Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Im Zwist mit Gott

Mein Leben war niemals ein leichtes. Den Lenden eines einfachen Tagdiebs entsprungen und unter dem Herzen einer Bordsteinschwalbe erwachsen, stand ich mit der Religion von Anbeginn meiner Zeit an eher auf Kriegsfuss, als das sie mir dabei geholfen hätte mich mit meiner trostlos verkrachten Existenz auszusöhnen. Der Gott den man liebt solle man selbst sein, so zumindest meiner Ansicht nach, umso überraschender wird es Ihnen, geschätzter Leser, vermutlich vorkommen, dass folgende Geschehnisse, für die Nachwelt ins geschriebene Wort konserviert, ausgerechnet aus meiner Feder stammen. Ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass das, was ich in meinem Memoiren für den kümmerlichen Rest meiner verkommenen Blutlinie hinterlasse, höchstwahrscheinlich niemand für bare Münze nehmen wird. Es mutet unglaublich an, um nicht zu sagen unmöglich, doch schwöre ich bei meiner ewigwährenden Seele, dass es sich genau auf diese Weise zugetragen hat.

In jener Nacht, von der in dieser Niederschrift die Rede ist, befand ich mich in den Straßen New Yorks. Die Abendluft flirrte vor Eiseskälte und ich wusste: Gelänge es mir heute nicht, ein Bett in einer der wenigen Notschlafstellen meiner Umgebung zu finden, gäbe es mich am nächsten Tag nicht mehr. Das Glück aber ist eine Dirne, wer wusste das besser als ein Mann der Straße, so wie ich zweifelsfrei einer war. Es gab kein Bett in der Wärme für mich, geschweige denn eine Suppe aus dünner Brühe, die mir den bohrenden Hungerschmerz, der mir bereits seit einem guten Tag ein steter Begleiter war, für ein paar Stunden hätte nehmen können. Vielleicht, so meine Vermutung, kam all das dem metaphorischen Wink mit dem Zaunpfahl gleich. Möglicherweise wollte mir das Schicksal damit sagen, dass es endlich an der Zeit war dem Leben am Rande der Gesellschaft zu entschwinden. Niemand würde mich missen wäre ich heute noch da und morgen einfach weg, und um der Wahrheit die Ehre zu geben war da auch niemand, der mir in der Nachwelt fehlen konnte. Also machte ich mir erst gar nicht die Mühe fiebernd nach einem lauen Ort zu suchen, an dem ich meine müden Knochen für die Nacht zur Ruhe betten konnte, sondern liess mich auf einer Parkbank nieder. Mein letztes Geld war gegen eine Flasche Billigwein getauscht. Ein Rausch würde mir das Schlafen unter freiem Winterhimmel erleichtern und mich gleichgültig gegenüber der Kälte machen, die sich bald schon wie eine hungrige Wölfin durch Kleider und Haut bis hin auf den Grund meiner Seele fressen sollte.

Lange blieb ich in meinem Elend jedoch nicht allein. Ein Fremder setzte sich zu mir und ich wunderte mich noch über seine bloßen Füße, die im Schnee blassrosane Abdrücke hinterlassen haben. Geschundene, blutende Füße, doch was interessierte mich das Leid eines anderen? Ich kam her um zu sterben, dem Kältetod zu erliegen, und der hochgewachsene Mann zu meiner Rechten, leidgeplagt hin oder her, störte mich dabei.

„Ist besetzt“, grummelte ich weinschwer, doch dem Fremden schien ein Mindestmaß an Privatsphäre offensichtlich völlig fremd zu sein. Lediglich drehte er das Haupt in meine Richtung und schenkte mit ein gütiges Lächeln.

„Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe!“, antwortete er und überraschte mich damit. Natürlich konnte man bei Nacht und Sodbrennen auf einer Parkbank im Abseits nicht mit Sokrates oder Plato rechnen, ebenso wenig aber mit dem alten Herrn über unseren Köpfen, zu dem ich ohnehin kein besonders liebevolles Verhältnis pflegte.

„Hast Du die Bibel gelesen, mein Sohn?“, gedachte der Unbekannte in Erfahrung zu bringen und entlockte mir damit ein joviales schmunzeln. Tatsächlich wohnte mir weit mehr Belesenheit inne, als man es mir aufgrund Äußerlichkeiten und dem Fakt, ein Obdachloser zu sein, sicherlich zutraute.

„Ich habe mich durch das ganze beschissene Christenwerk gequält“, antwortete ich daher überheblich und tat mich hernach kräftig am Wein gütlich. „Von den ungezählten Büchern, die ich während meines Lebens las, hat die verdammte Bibel nicht einmal an den besten hundert gekratzt.“

„Wirklich?“, zeigte sich mein Banknachbar überrascht, „Du hast nichts davon gemocht? Nicht einmal der Teil, in dem Jesus auch für Deine Sünden am Kreuz sein Leben ließ?“

„Viel zu viel Melodrama“, tat ich meine Meinung kund und der Fremde wirkte mit einem Mal verkniffen, ganz so, als fühle er sich durch das Urteil eines Landstreichers wie meinereiner gekränkt. Um für Beschwichtigung zu sorgen reichte ich ihm die halbgeleerte Flasche Billigfusel und fügte meinen Worte an: „Nimm es Dir nicht zu Herzen, Alter. Du befindest Dich in den widrigsten Abgründen des geplatzten, amerikanischen Traums. Der Liebe Gottes wirst Du hier ganz sicher nicht begegnen.“ Nun wirkte er noch verdrossener, dachte ein paar Minuten nach und trank einen Schluck des Weins, um dann offensichtlich neuen Mut zu schöpfen.

„Und was wenn ich Dir sage, dass ich der Schöpfer aller Dinge bin?“, ward es mich gefragt, „Vielleicht irrst Du Dich und ich habe nach wie vor ein Auge auf Dich.“ Spätestens jetzt war ich des gesunden Menschenverstandes wegen dazu verpflichtet meinem Gegenüber einen gewissen Wahnsinn zuzusprechen. Trotzdem, und noch heute stellt sich mir die Frage nach dem warum, ließ ich mich auf das Gedankenspiel ein.

„Ich würde Dich fragen, wo Du Dich die letzten Jahre herumgetrieben hast“, antwortete ich, „Und ob Du nun hier bist, um deiner schwärzesten und wundersamsten Kreation nach metaphorischen Äonen des Abschlachtens den Gnadenstoß zu versetzen.“

„Hmm“, machte der Unbekannte und ließ mich damit stutzen. Was habe ich von einer Type, die mit bloßen, blutigen Füssen durch den Schnee stapfte und erst gar nicht auf die Idee kam, den mit letzten Münzen erstandenen Wein zurückzugeben, eigentlich erwartet? Dass er mir bei Nacht und Schneefall den Sinn des Lebens offenbarte?

„Weißt Du, was der Menschheit größte Schöpfung seit jeher war und immer sein wird?“, wechselte er kurzerhand das Thema, räumte mir jedoch keine Gelegenheit ein darauf eine Antwort zu formulieren. „Die Musik.“ Mindestens dahingehend konnte ich in aller Beipflichtung nickend zustimmen, doch entlockte er mir mit seinem verbalen Zusatz neuerlich einen irritierten Blick. „Und Marzipankugeln. Sogar meine Wenigkeit hätte sich einen solch fantastischen Geschmack nicht ausdenken können.“ Mir war unklar, was mich an dieser Aussage am meisten aufhorchen ließ. War es das geradezu kindliche Lächeln, dass ob des Scherzes an seinen Mundwinkeln zupfte? Vielleicht die Aussage selbst oder gar die Vermutung, dass der ominöse Fremde tatsächlich glauben könnte er wäre Gott? Das Lächeln des Unbekannten schwand indes so rasch wieder, wie es auf seinem Lippenpaar geboren war.

„Aber Musik“, fügte er in schwärmerischer Selbstvergessenheit an, „Musik ist wie Magie!“

„Bullshit!“, entfuhr es meiner Kehle garstig. Der Wein sprach aus mir, ebenso wie der Frust darüber, wie übel mir die Hure namens Schicksal Zeit meines Lebens mitgespielt hat. Ich hätte mich auf dieses Gedankenspiel erst gar nicht einlassen sollen, doch nun saß Gott schon neben mir und begeisterte sich lieber für Musik und Marzipankugeln, als sich um die Not seiner Schöpfung zu kümmern. Aus mir heute noch schleierhaften Gründen versetzte mich das in Rage. Das einzig Gute daran: Die Hitze des Zorns kämpfte fortan von innen heraus gegen die Winterkälte an.

„Wieso“, hörte ich mich nun fragen, „Wieso hast Du das Leben erschaffen?“

„Aus Einsamkeit“, antwortete mein göttliches Gegenüber. Ein durchaus verständlicher Ansatz, doch war mein Leid es wert, einem anderen das Alleinsein zu ersparen? Und wo ich ihm die Einsamkeit nahm, was tat er für mich?

„Du hättest es bei einer Handvoll Engeln belassen können. Reichte das nicht vollkommen aus? Du hast aber eine Welt erschaffen, uns Menschen! Nicht nur die Liebe, nein, sondern auch den Hass. Die Zerstörung. Aus Deiner Einsamkeit wurde die meine. Die unsere.“

„Ich war so dumm“, gestand mein Banknachbar resigniert. Auf merk- und denkwürdige Weise beinahe so, als könne er dafür tatsächlich Reue verspüren, doch das reichte mir nicht. Nichts war Entgeltung genug für jene Hürden, die mein Leben von Kindesbeinen an bestimmten. „Und dennoch war nicht alles schlecht was ich erschuf. Die Natur zum Beispiel. Sieh doch, was sie nach ihrer Erschaffung eigenständig zustande brachte….“

„Ist das Dein Ernst?“, fuhr ich ihm gehässig ins Wort. „Ich soll mich an der Natur erfreuen und zeitgleich ums nackte Überleben kämpfen? Soll ich Dir etwa dankbar dafür sein, dass beim Schaffungsprozess nicht alles schiefgelaufen ist?!“

Ein Seufzen verliess den Mund des Fremden und mir fiel auf, dass ihm allmählich die Geduld abhandenkam.

„Glaubst Du wirklich, ich hätte kommensehen wie ihr euch entwickelt?“, fragte er mich. „Es liegt in eurer Natur zu zerstören was ich euch gab und nicht selten tut ihr das in meinem Namen.“ Zugegeben, mein Gesprächsgefährte für die Nacht spielte seine Rolle gut, sofern er sich letztlich nicht doch noch als Schöpfer aller Dinge sah. „Hernach betet ihr zu mir, suhlend im Pfuhl eurer eigenen Heuchelei. Bittet um Vergebung und verlangt, dass ich es schon richten werde. Nie übernehmt ihr Verantwortung!“

„Was ist mit Deiner Verantwortung?“, entgegnete ich ihm forsch und sah, wie im tiefblauen Augenmerk des Unbekannten für die Dauer eines Herzschlags trotziger Hochmut aufflackerte.

„Die übernahm ich, indem ich euch verliess.“ So also wollte mir Gott sein teuflisches Naturell offenbaren.

„Du hast uns nicht verlassen“, konterte ich unverzüglich, „Du hast Deine Augen verschlossen und Dich versteckt, so wie es Balgen tun, haben sie etwas ausgefressen. So wie es Feiglinge tun!“ Ich war mir durchaus im Klaren darüber, dass jene Wut, die in meinen Eingeweiden Gift und Galle spie, ungerechtfertigt war. All meinen Frust, all meinen Zorn und Unmut, den ganzen Dreck der meine Existenz in triste Grautöne färbte. All das lastete ich auf die Schultern jenes Mannes, der behauptete Gott zu sein.

Jener Mann, der sich ob meines letzten Vorwurfs zornig von der Bank erhob und sich vor mich stellte. Er hob die Hand und ich vermutete, der Fremde würde zum Schlag ausholen, stattdessen wischte er damit lediglich undefinierbar durch die Luft und liess mich das Wunder meines Lebens erleben. Ein herber Windstoss erfasste meinem Leib. Fegte mich von der Parkbank wie ein totes Blatt im Herbsturm und liess brachial mit dem Arsch auf den asphaltierten Gehweg knallen. Fassungslos sah ich zu ihm auf, während meine Gedanken fieberhaft nach einer Rationalen Erklärung für diesen Vorfall suchten.

„Man hat mich schon vieles genannt“, drang seine kreidige Stimmklangfarbe bald düster an mein Ohr und ich schrieb die Schatten, die auf einmal flackernd über sein markiges Antlitz tanzten, dem Weingenuss zu, „Einen abwesenden Vater, gar ein Monster und Scheusal, doch niemals einen Feigling.“ Ein kurzzeitiges, frostiges Schweigen verlieh dem gesprochenen Wort den nötigen Nachdruck.

Unheilvoll machte der Mann einen Schritt auf mich zu und trieb mir einen gehörigen Fluchtreflex in die alten Knochen, doch blieb ich. An Ort und Stelle. Mit dem Arsch im wahrsten Sinne des Wortes auf Grundeis.

„Ich verstecke mich nicht“, ward es mir sogleich versichert, „Lediglich bin ich es leid mir die Fehler meiner aufwändigsten Schöpfung immer und immer wieder anzuschauen.“

„Du meinst Deine Fehler, Gott!“, entkam es mir störrisch, die Starre des anfänglichen Schrecks überwindend, und rappelte mich vom Gehweg hoch. Zu meiner Überraschung hatte der Konter gesessen, denn mein Gegenüber wusste zunächst nichts darauf zu erwidern. Lediglich hielt er meinem Blick stoisch stand und dachte nach.

„Ernüchtert willst Du ob deiner Schöpfung sein“, füllte also ich sein stilles Schweigen mit Tönen und Silben, „Ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass ich für Dich eine Enttäuschung sein muss, aber damit, die ganze Menschheit über einen Kamm scheren zu wollen, liegst Du falsch.“ Damit ermahnte ich nicht nur meinen Gesprächspartner sondern zu gleichen Teilen mich selbst, denn mir war das Gefühl, von seiner Umgebung maßlos enttäuscht zu sein, keinesfalls unbekannt.

„Vielleicht irre ich mich und wir sind nicht Deine schlimmste sondern Deine beste Kreation, weil wir Besser sind als Du!“ Wieder lehnte ich mich viel zu weit aus dem Fenster, doch wusch es meine Seele vom immerwährenden Zorn meiner selbst rein. „Natürlich sind wir nicht perfekt. Wir betrügen, lügen und stehlen, aber wir geben auch. Wir erschaffen und wir lieben! Allem voran aber geben wir niemals auf, aber Du schon.“ Wieder traf ich ins Schwarze, genau da wo es wehtat – nicht nur ihm, nein auch mir. Doch anstatt mir zu zürnen schenkte mir mein mysteriöses Gegenüber dasselbe gütige Lächeln wie zu Beginn unseres Gesprächs, ehe seine gesamte Erscheinung in grelles, gleissendes Licht aufging.

„Sir?“ Drei Buchstaben, gesprochen in einer solch hellen Klangfarbe das ich sie kaum dem Fremden zuordnen konnte, katapultierte mich jäh aus meinem verqueren Gedankenspiel zurück in die Realität. Es dauerte einen Moment bis ich verstand, dass das gleissende Licht nicht göttliches in sich barg sondern schlichtweg der strahlende Schein einer Taschenlampe war. Vor mir stand auch kein Mann mit blutigen Füssen mehr, stattdessen eine zierliche Brünette in Polizeiuniform, die ihre Taschenlampe senkte, just war sie sich meiner Aufmerksamkeit sicher. Ein kurzer Gespräch folgte, in dem sie mir eröffnete, was ich längst wusste: Dass ich mir hier draussen den Tod hole … doch nach sterben war mir zu meiner Verwunderung nicht mehr. Die undefinierbare Saat neuer Hoffnung keimte in mir, ein funke neuen Lebens, von Gott – vielleicht – höchst selbst einverleibt. Nichts andere will ich nach Jahren reiflicher Überlegung glauben, denn von dieser Nacht an fühlte ich mich selbst in meinen einsamsten Stunden niemals wieder allein.

2 Kommentare zu „Im Zwist mit Gott

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