Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Salome´s Tränen

Ich kann mich an die erste Begegnung mit Salome noch erinnern, als wäre es gestern gewesen. Ihr rabenschwarzes Haar tänzelte im lauen Abendwind, während mir ihr braunes Augenmerk aus einem blassen Antlitz entgegenblickte. Ich mochte sie nicht auf Anhieb, was in diesen unsteten Zeiten, denen wir in der Jugend unweigerlich ausgesetzt waren, nicht sonderlich verwunderlich schien. Denn Salome war eine Jüdin und ich der Sohn eines verbohrten Elternpaares, dessen grösste Erfüllung darin bestand, den Worten des Führers folge zu leisten. Auch ich liess mich von den hochtrabenden Reden Hitlers nur zu gerne mitreissen, obschon deren katastrophale Tragweite für mich schon bald durchschaubar war. Denn wo mir Salome beim Tag unserer Begegnung und aufgrund meiner fehlgeleiteten Ansichten fürwahr zuwider war, konnte ich mir ein Leben ohne sie schon nach kürzester Zeit nicht mehr vorstellen. Ich habe mich in dieses Mädchen verliebt, jeden Tag aufs Neue, wenn sie mit ihren jüngeren Schwestern an meinem Haus vorbei spazierte und in Richtung Innenstadt verschwand. Und obschon sie mir stets ein verborgenes Lächeln schenkte, wenn sich unsere Wege nicht ganz zufällig kreuzten, spielte ich kein einziges Mal mit dem Gedanken die anmutige Schönheit anzusprechen. In einem Deutschland, geprägt von Boykottkampagnen und dem Blutschutzgesetz, dass dem Deutschen eine Verbindung mit einem Juden strickte untersagte, erschien es mir undenkbar meine tiefe Verbundenheit zu Salome offen preiszugeben.

Doch eines Montags, als ich sehnend aus dem Fenster schaute, um wenigstens einen einzigen Blick auf jene Frau zu erhaschen, für die mein Herz so sehr schlug, kam sie nicht ihrer gewohnten Pfade. Ohnehin fiel mir auf, dass viele mir bekannten Personen verschwunden sind und entgegen meines Vaters Willen verliess ich den Schutz meines Heims, um mich nach eben jenen umzusehen. Und dann sah ich sie da sitzen, zusammen mit vielen anderen Familien, die nicht aus meinem vertrauten Umfeld stammten. Dicht gedrängt und warm angezogen sassen sie auf Koffern. Ein bedrückendes Schweigen herrschte und inmitten dieses erschütternden Anblicks entdeckte ich Salome. Ihre Augen waren tränenverschleiert, als sich unsere Blicke für einen flüchtigen Moment berührten. Es war so schrecklich, dass sich dieses Bild unweigerlich in meine Seele brannte. In diesem Augenblick, als ich neuerlich aus der Ferne zu ihr herübersah, mir ihres Schmerzes so gewahr war als wäre es der meine, dämmerte mir, dass ich dieses Mädchen wohl niemals wieder sehen würde. Feige stand ich schweigend da, als man die jüdischen Familien auf ungezählte Zugwaggons verteilte und anschliessend deportierte. „Das sind doch nur Juden!“, sprach ein Fremder zu mir, der meine bestürzte Miene nicht im geringsten nachempfinden konnte, und klopfte mir aufmunternd auf die Schulter. „Das sind Menschen!“, erwiderte ich und zog meiner Wege.

Salome’s Tränen sollten mir von dieser Stunde an stete Begleiter sein, die mich selbst im Traum verfolgten. Kein Tag verging, an dem ich nicht an sie dachte und keine Erinnerung war jemals zum verblassen verdammt. Die Novemberpogrome lagen schon einige Monate im Vergangenen, als Hitler mit dem Überfall auf Polen ein Inferno entfesselte, dessen Ziel die Vernichtung von ganzen Völkern und Staaten war. Doch die Welt, die er beherrschen wollte, wusste sich zur Wehr zu setzen. Sie schlug mit aller Brutalität zurück und wir bekamen zu spüren, was totaler Krieg bedeutete: von Brandbomben eingeäscherte Städte, Vertreibung, Massenmord. Der ausgeglühte Staat der Deutschen wurde zerstückelt. Gebiete, die seit Jahrhunderten zum deutschen Osten gehörten, gingen verloren. Jeder, der nur ansatzweise befähigt war an vorderster Front zu stehen, rief man zu den Waffen. Auch ich wurde aus meinem gewohnten Umfeld herausgerissen und fand mich, nach einer so kurzen wie intensiven Vorbereitungszeit, an der russischen Grenze wieder. Über drei Millionen Männer, unter denen auch ich mich befand, harrten den Dingen, die da kommen mochten, bis eines Nachts der Befehl gegeben war die Sowjetunion ohne Kriegserklärung anzugreifen. Endlose dunkle Tage folgten, die mit den kommenden Monaten in zahllosen Versorgungsengpässen enden sollten. Dass der Endsieg greifbar nahe sei, wusste man uns stets zu predigen, und anfangs waren wir durchaus gewillt den Worten des Führers Glauben zu schenken … bis der russische Winter kam! Im Glauben daran, dass der Krieg im Osten spätestens im August gewonnen sei, versäumte man es uns zu Beginn der Offensive mit Winterausrüstung, Handschuhen und warmen Mänteln auszustatten. So kam es, dass in diesem Winter Frost und Eis mehr deutsche Soldaten tötete als die Kugeln des Gegners.

Noch heute ist mir schleierhaft, wie es mir gelang diese dunkle Zeit zu überstehen! Jene Kugel, von einem Russen abgefeuert und befähigt mein rechtes Kniegelenk völlig zu zertrümmern, war vermutlich der Grund meines Überlebens. Mit mehr Glück als Verstand gelang es jenen Sanitätern, die mein Bein noch Vorort notdürftig versorgten, mich aus dem Herzen Russlands heraus auf deutschen Boden zu schaffen. Dann brachte man mich unverzüglich nach Warschau, wo es mir in einem Krankenhaus vergönnt war fast vollends zu gesunden. In der Tat hatte ich Schlimmes erlebt, aber dennoch brannten die Erinnerungen an Salome noch immer so hell wie am Tag unserer letzten Begegnung. Mir wurde klar, dass nichts schwerer auf meiner Seele lasten konnte, als die Ungewissheit ihres Verbleibes. Damals beschäftigte ich mich oft stundenlang mit der Frage, ob sie überhaupt noch am Leben war. Ich quälte mich mit dem Gedanken eine gewisse Teilschuld an ihrer Deportation zu tragen, schliesslich wusste ich um jenes Unrecht, dass an diesem Tag in meiner Heimat Einzug gehalten hatte… und trotzdem schwieg ich! Schwieg wie all die Anderen, an denen diese Szenerie nicht spurlos vorbeigegangen war. „Es sind doch nur Juden.“, klingen die Worte dieses Fremden selbst heute noch in meinen Erinnerungen wieder. Nur Juden, keine Menschen!

Nach meiner Genesung berief man mich nach Bayern, wo ich von nun an meinen Platz in der Datenverarbeitung finden sollte. Im Namen des Führers gehörte es zu meiner Pflicht Bewegungen von deutschen Armeeeinheiten in Form von Listen zu verarbeiten. Von diesem Moment an hatte ich Zugriff auf eine ungeheure Vielfalt an Informationen, daher frage ich mich heute, weshalb mir folgender Einfall nicht schon viel früher gekommen war. Salome’s Tränen noch immer im Herzen tragend, verstand ich erst nach geraumer Zeit, dass es mir anhand meines jetzigen Berufes möglich war, mehr über ihren Verbleib herauszufinden. So kam es, dass ich vom Tag der Erkenntnis an und im Stillschweigen Aberhunderte von archivierten Judenlisten durchstöberte. Stunde um Stunde brütete meiner einer über Dokumenten und Niederschriften, stets mit der nackten Furcht im Nacken die geheimen Forschungen könnten das Interesse meiner Kollegen wecken. Kaum auszudenken, was mit mir geschehen wäre, hätte man meine intensive Suche nach einem Judenmädchen aufgedeckt, doch sollte mir diesbezüglich das Glück hold sein. Tage gingen derweil in Wochen über und als ich den Glauben jemals fündig zu werden allmählich aufgab, entdeckte ich auf vergilbtem Papier den Namen meiner Salome. Dem mir vorliegenden Bericht nach zu urteilen, brachte man die jüdischen Familien meines Heimatortes allesamt im Konzentrationslager Dachau unter. Was dann mit ihnen geschah, war nicht ersichtlich. Zu dieser Zeit war kaum einem wirklich bewusst, welch grauenerregendes Schicksal den Juden an derlei Orten blühte, doch schwand mit Salome’s Verbleibsnachweis meine Hoffnung ins bodenlose sie noch unter den Lebenden zu finden.

Und trotzdem konnte ich mich mit dieser Information nicht zufriedengeben. Ganz im Gegenteil, denn wo mir nun klar war, wo ich suchen musste, wollte ich keine Sache unversucht lassen, die mich näher an die Wahrheit heranführen konnte. Es war dem sprichwörtlichen Wink mit dem Zaunpfahl gleich, als ich wenig später den Befehl erhielt aus buchhalterischen Gründen nach Dachau zu reisen, doch was mir in dieser Hölle auf Erden vor Augen geführt wurde, wusste mich bis aufs Mark zu erschüttern! In fünfzig für Pferde ausgelegten Stallungen fristeten ungefähr zweitausend Menschen ihr klägliches Dasein und wo das Auge hinreichte, war ich vom geballten Leid einer ganzen Rasse umgeben. Die Erkenntnis, niemals genügend Zeit dafür aufbringen zu können meine Suche im Stillschweigen fortzuführen, zerriss mir schier das Herz. Mehr als drei Tage würde mich meine hiesige Arbeit nicht kosten, doch hütete man sich davor einen Aussenstehenden wie mich länger als nötig mit den Gefangenen alleine zu lassen. So verrichtete ich tagsüber die mir zugeteilten Aufgaben und verliess des Nachts das KZ, um meine Kammer im naheliegenden Dorf aufzusuchen. Lange hielt es mich da aber nicht, so verbrachte ich die dunklen Stunden damit dem drei Kilometer langen und drei Meter hohen Stacheldrahtzaun entlangzuwandern, der das Zentrum der Gräueltaten von der Aussenwelt trennte.

Ohne Erfolg, wie es anfangs den Anschein machte, bis mir im Morgengrauen des dritten Tages braune Augen aus einem blassen Antlitz entgegenblickten. Salome! Doch war das Mädchen längst nicht mehr jene, die sie einst gewesen war. Ihr rabenschwarzes, langes Haar, das bei unserer ersten Begegnung so betörend im Wind tänzelte, hatte man abgeschoren und ihr einst wohlgeformter Leib wirkte von ständiger Unterernährung abgemagert. Bei ihrem Anblick erstarrten meine Schritte und anfangs war ich mir nicht sicher, ob mir meine Augen nicht doch einen üblen Streich spielten. Doch als sich unsere Blicke trafen und es mir vergönnt war jene einzelne Träne über ihre Wange kullern zu sehen, wurde mir gewahr, dass ich mein Ziel erreicht hatte. Da standen wir nun, getrennt nur von einem unüberwindbaren Zaun aus Stacheldraht. Gefangen zwischen Himmel und Hölle, doch bevor ich meine Gedanken ordnen konnte, trieb man sie schon von der Absperrung fort. Man bedachte mich mit forschen Blicken. Frage mich, wie mein augenscheinliches Interesse an dieser minderen Person deutbar wäre. Aufs Neue machte sich meine Feigheit bemerkbar, denn ich log über meine Beweggründe und zog meinen Kopf anhand fadenscheiniger Erklärungen aus der Schlinge… wohl wissend, dass die Wahrheit weder ihr noch mir einen Vorteil brachte.

Der weitere Tagesverlauf brachte keine neue Begegnung mit sich, doch verliess ich das Konzentrationslager im Wissen, das mein Mädchen noch am Leben war. Die in mir schwelende Hoffnung wuchs zu einer kleinen Flamme heran, die alsbald zur Gänze vernichtet werden sollte. Insgeheim spielte ich mit dem Gedanken nach Gründen zu suchen, die mich Dachau näher brachten und es mir vielleicht möglich machten mit Salome in Kontakt zu treten, doch wollte es das Schicksal nicht gut mit mir meinen. Man schickte mich aus Bayern fort nach Nordrhein-Westfalen, wo ich die folgenden Jahre zu bleiben hatte. Und obschon ich nach Kriegsende alles dafür tat so schnell wie möglich nach Dachau zu gelangen, konnte man mir dort nur die ernüchternde Nachricht mitgeben, dass sich Salome schon längst nicht mehr an diesem Ort befand. Mit der Befreiung durch die Amerikaner, wurde mir berichtet, habe ihre Familie Deutschland verlassen. Ob diese Neuigkeiten tatsächlich der Wahrheit entsprachen, konnte mir niemand mit absoluter Sicherheit bestätigen, doch war ich gewillt dieser Vermutung meinen Glauben zu schenken. Ich verliess Bayern aufs Neue und kehrte in meine Heimatstadt zurück, wo es mir nie zur Gänze gelungen war, die verborgene Liebe meines Lebens zu vergessen. Trotz der in mir fortbestehenden Gefühle für Salome, heiratete ich ein paar Jahre später Hildegard … die Tochter eines hochdekorierten Feldmarschalls! An dieser Stelle will ich erwähnt wissen, dass ich mit meiner Frau entgegen eigener Erwartungen recht glücklich war. Sie beschenkte mich mit zwei strammen Söhnen und achtundvierzig zufriedenen Jahren, die mich das Grauen des Krieges hin und wieder sogar vergessen liessen.

Im letzten Sommer ist meine liebe Hildegard von uns gegangen und sie hinterliess in unser aller Herzen eine fürchterliche Leere. Auch ich bin mittlerweile zu einem hochbejahrten Mann geworden, was meine Söhne dazu verleitete für mich nach einem schönen Plätzchen in einem Seniorenheim Ausschau zu halten. Ohnehin lag es mir fern länger als nötig in jenem Haus zu verweilen, in dem mich fürwahr alles an meine verstorbene Gattin erinnerte. So begehrte auch nichts in mir auf, als der Tag gekommen war an dem ich mein trautes Heim verliess und ein neues Leben im Altersheim in Angriff nahm. Hätte mir im Vorhinein jemand offenbart, was mich an diesem Ort erwarten sollte, ich hätte ihn einen Spinner geschimpft. Doch als ich am ersten Tag mein kleines aber gemütliches Zimmerchen in der Alterspension verliess, um mich vor dem Abendessen noch etwas umzusehen, sahen mir auf meinem Weg durch den Garten braune Seelenspiegel aus einem blassen Antlitz entgegen. Mir stockte der Atem, als ich sie da sitzen sah. Hier! Heute! Fern von Boykottkampagnen, Blutschutzgesetz und unüberwindbaren Stacheldrahtzäunen. Meine Salome! Und als sie mich erkannte, entging mir jene Träne nicht, die in den letzten Sonnenstrahlen brechend über ihre Wange rann. Die Jahre hatten tiefe Furchen in ihr Gesicht gezeichnet, doch war sie für mich noch immer die schönste Frau der Welt. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwänden, ging ich eilenden Schrittes auf sie zu und liess mich neben ihr auf die Bank nieder.

Andächtig schweigend sahen wir der Sonne zu, wie sie sich hinter verschneiten Bergspitzen zur Ruhe bettete. Und als die Dunkelheit vollends Einzug gehalten hatte, konnte ich spüren wie sich Salome’s warme Hand auf die meine legte.

„Ich wusste, dass wir uns eines Tages wiedersehen.“, sprach sie leise. Es waren die ersten Worte, die wir miteinander wechseln sollten… doch keinesfalls die Letzten, denn wir sprachen die ganze Nacht über alles was uns so lange auf dem Herzen brannte. So klärte mich Salome ebenfalls darüber auf, was geschehen war, nachdem ich schweigend beobachtet hatte wie man die Liebe meines Lebens deportierte.

„Als der Zug fuhr, wurde das Geraune und Todesröcheln vom Rattern der Räder übertönt“, erinnerte sich Salome an jene Fahrt, die sie ihrer ganz persönlichen Hölle Stück für Stück näher brachte, „Mehrere Tage war der Zug unterwegs, wobei er manchmal eine Nacht lang auf einem Abstellgleis hielt. Ich befand mich auf einem offenen Waggon, inmitten ungezählter Männer und Frauen, die sich vor Kälte krümmten. Nur wenn sie starben, streckten sie sich zu ihrer ganzen Länge würdig aus.“ Und was mir in dieser Nacht noch zu Ohren kommen sollte, erschütterte mich mehr als jede Erinnerung, die mir in Kriegszeiten zuteilgeworden ist. Niemals zuvor habe ich mich so feige gefühlt, niemals zuvor mein Schweigen so sehr bereut, wie in diesen Stunden. Umso unglaublicher schien es mir so viele Jahre später neben dieser Frau zu sitzen, deren warme Hand die meine noch immer umschloss.

Als der Morgen graute, wandte ich mich ihr nach einem längeren Schweigen zu. Tausend Dinge wollte ich ihr sagen, doch als unsere Blicke sich trafen und sie mir jenes Lächeln schenkte, welches mich so sehr an früher erinnerte, versagte meine Stimme. Um meiner Feigheit ein für alle Mal zu trotzen und nicht dazu in der Lage die in mir aufwallenden Gefühle in Zaum zu halten, legten ich meine Lippen auf die ihren und küsste sie. Ob ich mich gar jemals so frei gefühlt habe wie in diesem Moment, darf gut und gern bezweifelt werden! Endlich lösten sich Salome’s Tränen von meiner Seele und wichen Emotionen, die mir erschreckend unbekannt erschienen. In den kommenden acht Wochen war nichts befähigt uns voneinander zu trennen, bis meine Herzallerliebste dem Alter erlag. Acht Wochen, schoss es mir durch die Gedanken, als ich trauernd vor ihrem Totenbett stand. Sechsundfünfzig wundervolle Tage waren mir mit Salome vergönnt und jeder Sonnenlauf stand für ein Jahr, in dem sich mein Herz im Verborgenen so sehr nach ihr zu sehnen wusste. Kaum zu glauben, dass seit den Novemberpogromen schon sechsundfünfzig Jahre vergangen waren!

„Ich möchte nicht, dass Du traurig bist, denn unsere gemeinsame Zeit war gestohlen.“, sprach meine Liebe am Vorabend ihres Ablebens zu mir, als habe sie gewusst, dass der letzte Herzschlag näher rückte, „Gevatter Tod hat uns vor vielen Jahren des Öfteren übergangen, nur damit wir heute zusammen sein können. Eigentlich gab es diese Zeit für uns nicht, aber wir hatten sie und für nichts würde ich darauf verzichten.“ Nach einem letzten Lächeln, das nur mir und meiner Seele galt, schlief Salome ein und starb in den frühen Morgenstunden den Tod der Könige.

So endet die Geschichte einer lange währenden Liebe, die viel zu jäh ihr Ende nahm und dennoch für kurze Zeit erblühen durfte. Niemals hätte ich erwartet, auf meine letzten Tage hin noch so viel Glück mein Eigen nennen zu dürfen. So beschloss ich, die Wochen mit Salome als Gottes persönliches Geschenk an mich zu betrachten. Nun kann mich das Schicksal von der Erde tilgen, meine lieben Leser, und ich werde im Wissen gehen, dass die schöne Salome am Ende meiner letzten Reise auf mich warten wird.

Veröffentlicht in Allgemein, Kurzgeschichten

Zimmerreise I – Alben, Bilder und Erinnerungen

I´ve always been a rollin´ stone with a reckles streak

Als meine Mutter starb habe ich mit meinem Bruder beschlossen das Elternheim zu verkaufen. Ein sehr schwerer Schritt, insbesondere für meinen Bruder, doch war es einer, den wir zweifelsohne gehen mussten. Und während er sich mit dem Erlös eine kleine aber durchaus schöne Wohnung auf dem Land kaufte, beschlossen mein Mann und ich sein Elternhaus zu erwerben. Auch wir wohnen auf dem Land, doch haderte ich sehr lange mit dem Fakt, dass es hierorts am Abdruck meiner Vergangenheit mangelt. Ich schätze das kann jeder nachvollziehen, der den Grund und Boden abtritt auf dem er aufgewachsen ist; auf dem er zu jenem Menschen geformt wurde, der er heute ist! Im Haus meiner Altvorderen wurde ich gemeißelt. Ich lernte Werte, die ich nicht immer umsetzen konnte … oder wollte … die mir jedoch heute dem Fundament gleichkommen, auf dem ich mich trittsicher bewegen kann.

Mom und Dad

Wie bereits erwähnt hat es viel Kraft und Mühe gekostet diesen Gedanken, den sogenannten Abdruck der Vergangenheit verloren zu haben, abzustreifen. Eine Reise durch mein Wohnzimmer hat mir letztlich aufweisen können, dass ich mich gründlich irrte. Natürlich hängt über dem Elternhaus meines Mannes weit mehr seiner Geschichte denn meiner, dennoch gibt es Orte und Nischen hier, die von meinen Erinnerungen nur so strotzen. Der alte Wandschrank im Wohnzimmer beispielsweise. Schränke und Schubladen, in die ich mein Leben verstaute; an denen ich tagtäglich ungezählte Male vorbeigehe ohne zu merken, dass die Augen der Vergangenheit meinen Schritten folgen.

Mom, Dad und mein Bruder

In Form von Alben zum Beispiel, seien es nun Musik- oder Fotoalben. Sie sind mein Schlüssel zu dem was war … die Verbindung zu Mutter und Bruder, Großeltern – zu jedem, der mich im Herzen berührte und meine Lebenswege streifte. Es sind schmucklose Alben, zugegeben. Schwarze Ordner, gefüllt mit Momentaufnahmen, während die CD-Hüllen mit massig Gebrauchsspuren aufweisen, dass man deren Inhalt gefühlte zehntausend Mal abgespielt hat.

Ja, es war nicht immer leicht, und ja, wir waren in der Vergangenheit nicht perfekt – am allerwenigsten ich selbst! Dennoch bin ich auf meiner ersten Zimmerreise auf Erinnerungen gestoßen, die mich wissen lassen, dass wir letzten Endes auf dem richtigen Weg waren. Wir haben uns geliebt und ist es nicht genau das, was zählt?

Euer Wortschmied

Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Im Zwist mit Gott

Mein Leben war niemals ein leichtes. Den Lenden eines einfachen Tagdiebs entsprungen und unter dem Herzen einer Bordsteinschwalbe erwachsen, stand ich mit der Religion von Anbeginn meiner Zeit an eher auf Kriegsfuss, als das sie mir dabei geholfen hätte mich mit meiner trostlos verkrachten Existenz auszusöhnen. Der Gott den man liebt solle man selbst sein, so zumindest meiner Ansicht nach, umso überraschender wird es Ihnen, geschätzter Leser, vermutlich vorkommen, dass folgende Geschehnisse, für die Nachwelt ins geschriebene Wort konserviert, ausgerechnet aus meiner Feder stammen. Ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass das, was ich in meinem Memoiren für den kümmerlichen Rest meiner verkommenen Blutlinie hinterlasse, höchstwahrscheinlich niemand für bare Münze nehmen wird. Es mutet unglaublich an, um nicht zu sagen unmöglich, doch schwöre ich bei meiner ewigwährenden Seele, dass es sich genau auf diese Weise zugetragen hat.

In jener Nacht, von der in dieser Niederschrift die Rede ist, befand ich mich in den Straßen New Yorks. Die Abendluft flirrte vor Eiseskälte und ich wusste: Gelänge es mir heute nicht, ein Bett in einer der wenigen Notschlafstellen meiner Umgebung zu finden, gäbe es mich am nächsten Tag nicht mehr. Das Glück aber ist eine Dirne, wer wusste das besser als ein Mann der Straße, so wie ich zweifelsfrei einer war. Es gab kein Bett in der Wärme für mich, geschweige denn eine Suppe aus dünner Brühe, die mir den bohrenden Hungerschmerz, der mir bereits seit einem guten Tag ein steter Begleiter war, für ein paar Stunden hätte nehmen können. Vielleicht, so meine Vermutung, kam all das dem metaphorischen Wink mit dem Zaunpfahl gleich. Möglicherweise wollte mir das Schicksal damit sagen, dass es endlich an der Zeit war dem Leben am Rande der Gesellschaft zu entschwinden. Niemand würde mich missen wäre ich heute noch da und morgen einfach weg, und um der Wahrheit die Ehre zu geben war da auch niemand, der mir in der Nachwelt fehlen konnte. Also machte ich mir erst gar nicht die Mühe fiebernd nach einem lauen Ort zu suchen, an dem ich meine müden Knochen für die Nacht zur Ruhe betten konnte, sondern liess mich auf einer Parkbank nieder. Mein letztes Geld war gegen eine Flasche Billigwein getauscht. Ein Rausch würde mir das Schlafen unter freiem Winterhimmel erleichtern und mich gleichgültig gegenüber der Kälte machen, die sich bald schon wie eine hungrige Wölfin durch Kleider und Haut bis hin auf den Grund meiner Seele fressen sollte.

Lange blieb ich in meinem Elend jedoch nicht allein. Ein Fremder setzte sich zu mir und ich wunderte mich noch über seine bloßen Füße, die im Schnee blassrosane Abdrücke hinterlassen haben. Geschundene, blutende Füße, doch was interessierte mich das Leid eines anderen? Ich kam her um zu sterben, dem Kältetod zu erliegen, und der hochgewachsene Mann zu meiner Rechten, leidgeplagt hin oder her, störte mich dabei.

„Ist besetzt“, grummelte ich weinschwer, doch dem Fremden schien ein Mindestmaß an Privatsphäre offensichtlich völlig fremd zu sein. Lediglich drehte er das Haupt in meine Richtung und schenkte mit ein gütiges Lächeln.

„Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe!“, antwortete er und überraschte mich damit. Natürlich konnte man bei Nacht und Sodbrennen auf einer Parkbank im Abseits nicht mit Sokrates oder Plato rechnen, ebenso wenig aber mit dem alten Herrn über unseren Köpfen, zu dem ich ohnehin kein besonders liebevolles Verhältnis pflegte.

„Hast Du die Bibel gelesen, mein Sohn?“, gedachte der Unbekannte in Erfahrung zu bringen und entlockte mir damit ein joviales schmunzeln. Tatsächlich wohnte mir weit mehr Belesenheit inne, als man es mir aufgrund Äußerlichkeiten und dem Fakt, ein Obdachloser zu sein, sicherlich zutraute.

„Ich habe mich durch das ganze beschissene Christenwerk gequält“, antwortete ich daher überheblich und tat mich hernach kräftig am Wein gütlich. „Von den ungezählten Büchern, die ich während meines Lebens las, hat die verdammte Bibel nicht einmal an den besten hundert gekratzt.“

„Wirklich?“, zeigte sich mein Banknachbar überrascht, „Du hast nichts davon gemocht? Nicht einmal der Teil, in dem Jesus auch für Deine Sünden am Kreuz sein Leben ließ?“

„Viel zu viel Melodrama“, tat ich meine Meinung kund und der Fremde wirkte mit einem Mal verkniffen, ganz so, als fühle er sich durch das Urteil eines Landstreichers wie meinereiner gekränkt. Um für Beschwichtigung zu sorgen reichte ich ihm die halbgeleerte Flasche Billigfusel und fügte meinen Worte an: „Nimm es Dir nicht zu Herzen, Alter. Du befindest Dich in den widrigsten Abgründen des geplatzten, amerikanischen Traums. Der Liebe Gottes wirst Du hier ganz sicher nicht begegnen.“ Nun wirkte er noch verdrossener, dachte ein paar Minuten nach und trank einen Schluck des Weins, um dann offensichtlich neuen Mut zu schöpfen.

„Und was wenn ich Dir sage, dass ich der Schöpfer aller Dinge bin?“, ward es mich gefragt, „Vielleicht irrst Du Dich und ich habe nach wie vor ein Auge auf Dich.“ Spätestens jetzt war ich des gesunden Menschenverstandes wegen dazu verpflichtet meinem Gegenüber einen gewissen Wahnsinn zuzusprechen. Trotzdem, und noch heute stellt sich mir die Frage nach dem warum, ließ ich mich auf das Gedankenspiel ein.

„Ich würde Dich fragen, wo Du Dich die letzten Jahre herumgetrieben hast“, antwortete ich, „Und ob Du nun hier bist, um deiner schwärzesten und wundersamsten Kreation nach metaphorischen Äonen des Abschlachtens den Gnadenstoß zu versetzen.“

„Hmm“, machte der Unbekannte und ließ mich damit stutzen. Was habe ich von einer Type, die mit bloßen, blutigen Füssen durch den Schnee stapfte und erst gar nicht auf die Idee kam, den mit letzten Münzen erstandenen Wein zurückzugeben, eigentlich erwartet? Dass er mir bei Nacht und Schneefall den Sinn des Lebens offenbarte?

„Weißt Du, was der Menschheit größte Schöpfung seit jeher war und immer sein wird?“, wechselte er kurzerhand das Thema, räumte mir jedoch keine Gelegenheit ein darauf eine Antwort zu formulieren. „Die Musik.“ Mindestens dahingehend konnte ich in aller Beipflichtung nickend zustimmen, doch entlockte er mir mit seinem verbalen Zusatz neuerlich einen irritierten Blick. „Und Marzipankugeln. Sogar meine Wenigkeit hätte sich einen solch fantastischen Geschmack nicht ausdenken können.“ Mir war unklar, was mich an dieser Aussage am meisten aufhorchen ließ. War es das geradezu kindliche Lächeln, dass ob des Scherzes an seinen Mundwinkeln zupfte? Vielleicht die Aussage selbst oder gar die Vermutung, dass der ominöse Fremde tatsächlich glauben könnte er wäre Gott? Das Lächeln des Unbekannten schwand indes so rasch wieder, wie es auf seinem Lippenpaar geboren war.

„Aber Musik“, fügte er in schwärmerischer Selbstvergessenheit an, „Musik ist wie Magie!“

„Bullshit!“, entfuhr es meiner Kehle garstig. Der Wein sprach aus mir, ebenso wie der Frust darüber, wie übel mir die Hure namens Schicksal Zeit meines Lebens mitgespielt hat. Ich hätte mich auf dieses Gedankenspiel erst gar nicht einlassen sollen, doch nun saß Gott schon neben mir und begeisterte sich lieber für Musik und Marzipankugeln, als sich um die Not seiner Schöpfung zu kümmern. Aus mir heute noch schleierhaften Gründen versetzte mich das in Rage. Das einzig Gute daran: Die Hitze des Zorns kämpfte fortan von innen heraus gegen die Winterkälte an.

„Wieso“, hörte ich mich nun fragen, „Wieso hast Du das Leben erschaffen?“

„Aus Einsamkeit“, antwortete mein göttliches Gegenüber. Ein durchaus verständlicher Ansatz, doch war mein Leid es wert, einem anderen das Alleinsein zu ersparen? Und wo ich ihm die Einsamkeit nahm, was tat er für mich?

„Du hättest es bei einer Handvoll Engeln belassen können. Reichte das nicht vollkommen aus? Du hast aber eine Welt erschaffen, uns Menschen! Nicht nur die Liebe, nein, sondern auch den Hass. Die Zerstörung. Aus Deiner Einsamkeit wurde die meine. Die unsere.“

„Ich war so dumm“, gestand mein Banknachbar resigniert. Auf merk- und denkwürdige Weise beinahe so, als könne er dafür tatsächlich Reue verspüren, doch das reichte mir nicht. Nichts war Entgeltung genug für jene Hürden, die mein Leben von Kindesbeinen an bestimmten. „Und dennoch war nicht alles schlecht was ich erschuf. Die Natur zum Beispiel. Sieh doch, was sie nach ihrer Erschaffung eigenständig zustande brachte….“

„Ist das Dein Ernst?“, fuhr ich ihm gehässig ins Wort. „Ich soll mich an der Natur erfreuen und zeitgleich ums nackte Überleben kämpfen? Soll ich Dir etwa dankbar dafür sein, dass beim Schaffungsprozess nicht alles schiefgelaufen ist?!“

Ein Seufzen verliess den Mund des Fremden und mir fiel auf, dass ihm allmählich die Geduld abhandenkam.

„Glaubst Du wirklich, ich hätte kommensehen wie ihr euch entwickelt?“, fragte er mich. „Es liegt in eurer Natur zu zerstören was ich euch gab und nicht selten tut ihr das in meinem Namen.“ Zugegeben, mein Gesprächsgefährte für die Nacht spielte seine Rolle gut, sofern er sich letztlich nicht doch noch als Schöpfer aller Dinge sah. „Hernach betet ihr zu mir, suhlend im Pfuhl eurer eigenen Heuchelei. Bittet um Vergebung und verlangt, dass ich es schon richten werde. Nie übernehmt ihr Verantwortung!“

„Was ist mit Deiner Verantwortung?“, entgegnete ich ihm forsch und sah, wie im tiefblauen Augenmerk des Unbekannten für die Dauer eines Herzschlags trotziger Hochmut aufflackerte.

„Die übernahm ich, indem ich euch verliess.“ So also wollte mir Gott sein teuflisches Naturell offenbaren.

„Du hast uns nicht verlassen“, konterte ich unverzüglich, „Du hast Deine Augen verschlossen und Dich versteckt, so wie es Balgen tun, haben sie etwas ausgefressen. So wie es Feiglinge tun!“ Ich war mir durchaus im Klaren darüber, dass jene Wut, die in meinen Eingeweiden Gift und Galle spie, ungerechtfertigt war. All meinen Frust, all meinen Zorn und Unmut, den ganzen Dreck der meine Existenz in triste Grautöne färbte. All das lastete ich auf die Schultern jenes Mannes, der behauptete Gott zu sein.

Jener Mann, der sich ob meines letzten Vorwurfs zornig von der Bank erhob und sich vor mich stellte. Er hob die Hand und ich vermutete, der Fremde würde zum Schlag ausholen, stattdessen wischte er damit lediglich undefinierbar durch die Luft und liess mich das Wunder meines Lebens erleben. Ein herber Windstoss erfasste meinem Leib. Fegte mich von der Parkbank wie ein totes Blatt im Herbsturm und liess brachial mit dem Arsch auf den asphaltierten Gehweg knallen. Fassungslos sah ich zu ihm auf, während meine Gedanken fieberhaft nach einer Rationalen Erklärung für diesen Vorfall suchten.

„Man hat mich schon vieles genannt“, drang seine kreidige Stimmklangfarbe bald düster an mein Ohr und ich schrieb die Schatten, die auf einmal flackernd über sein markiges Antlitz tanzten, dem Weingenuss zu, „Einen abwesenden Vater, gar ein Monster und Scheusal, doch niemals einen Feigling.“ Ein kurzzeitiges, frostiges Schweigen verlieh dem gesprochenen Wort den nötigen Nachdruck.

Unheilvoll machte der Mann einen Schritt auf mich zu und trieb mir einen gehörigen Fluchtreflex in die alten Knochen, doch blieb ich. An Ort und Stelle. Mit dem Arsch im wahrsten Sinne des Wortes auf Grundeis.

„Ich verstecke mich nicht“, ward es mir sogleich versichert, „Lediglich bin ich es leid mir die Fehler meiner aufwändigsten Schöpfung immer und immer wieder anzuschauen.“

„Du meinst Deine Fehler, Gott!“, entkam es mir störrisch, die Starre des anfänglichen Schrecks überwindend, und rappelte mich vom Gehweg hoch. Zu meiner Überraschung hatte der Konter gesessen, denn mein Gegenüber wusste zunächst nichts darauf zu erwidern. Lediglich hielt er meinem Blick stoisch stand und dachte nach.

„Ernüchtert willst Du ob deiner Schöpfung sein“, füllte also ich sein stilles Schweigen mit Tönen und Silben, „Ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass ich für Dich eine Enttäuschung sein muss, aber damit, die ganze Menschheit über einen Kamm scheren zu wollen, liegst Du falsch.“ Damit ermahnte ich nicht nur meinen Gesprächspartner sondern zu gleichen Teilen mich selbst, denn mir war das Gefühl, von seiner Umgebung maßlos enttäuscht zu sein, keinesfalls unbekannt.

„Vielleicht irre ich mich und wir sind nicht Deine schlimmste sondern Deine beste Kreation, weil wir Besser sind als Du!“ Wieder lehnte ich mich viel zu weit aus dem Fenster, doch wusch es meine Seele vom immerwährenden Zorn meiner selbst rein. „Natürlich sind wir nicht perfekt. Wir betrügen, lügen und stehlen, aber wir geben auch. Wir erschaffen und wir lieben! Allem voran aber geben wir niemals auf, aber Du schon.“ Wieder traf ich ins Schwarze, genau da wo es wehtat – nicht nur ihm, nein auch mir. Doch anstatt mir zu zürnen schenkte mir mein mysteriöses Gegenüber dasselbe gütige Lächeln wie zu Beginn unseres Gesprächs, ehe seine gesamte Erscheinung in grelles, gleissendes Licht aufging.

„Sir?“ Drei Buchstaben, gesprochen in einer solch hellen Klangfarbe das ich sie kaum dem Fremden zuordnen konnte, katapultierte mich jäh aus meinem verqueren Gedankenspiel zurück in die Realität. Es dauerte einen Moment bis ich verstand, dass das gleissende Licht nicht göttliches in sich barg sondern schlichtweg der strahlende Schein einer Taschenlampe war. Vor mir stand auch kein Mann mit blutigen Füssen mehr, stattdessen eine zierliche Brünette in Polizeiuniform, die ihre Taschenlampe senkte, just war sie sich meiner Aufmerksamkeit sicher. Ein kurzer Gespräch folgte, in dem sie mir eröffnete, was ich längst wusste: Dass ich mir hier draussen den Tod hole … doch nach sterben war mir zu meiner Verwunderung nicht mehr. Die undefinierbare Saat neuer Hoffnung keimte in mir, ein funke neuen Lebens, von Gott – vielleicht – höchst selbst einverleibt. Nichts andere will ich nach Jahren reiflicher Überlegung glauben, denn von dieser Nacht an fühlte ich mich selbst in meinen einsamsten Stunden niemals wieder allein.

Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Frühstücksgespräche – ABC.Etüde

Eine weitere kleine Etüde. Mehr Infos dazu findet ihr hier 🙂

Früh morgens, wenn Pilze und Blumen noch mit Tau überzogen sind und Nebel das einzige ist was verträumt über die verwaiste Landstraße fegt, beginnt der Tag unserer Katzen. Nachdem Fritzi dann jedes Grashalm einzeln studiert und Odin von seinem ersten Streifzug durchs Nachbargefilde zurückgekehrt ist, treffen sie sich beim Unterstand hinter dem Haus und tauschen sich aus. Ich bin überzeugt davon, dass sie das tun und manchmal male ich mir gerne aus wie sich ein solches Gespräch in Menschenworten wohl anhören mag. Vermutlich etwa so:

Jo Fritz! Was machst Du heute Nacht?“
„Die Schlafzimmerschränke unserer großen Nacktkatzenfreunde öffnen, Bro.“
Voll spannend, Fritz.“
„Ja, und danach knall ich sie dann einfach wieder zu.“
Hey geil, kann ich da mitmachen?“
„Aber klar, Odin“
„Dann knallen wir die ganze Nacht Schränke auf und zu, mein Freund.“
Bester Plan, Bruder! Um welche Zeit?“
„Vier Uhr Morgens, schließlich wird schlafen total überbewertet.“
Bestens, Odin, dann bin ich eh wach. Nun muss ich aber los! Sei nicht traurig, ja?“

Eine Antwort bleibt aus, nun da mich unsere getigerte Stubenkatz durchs Küchenfenster erspäht hat und mit Mal reges Interesse an der dunkelblauen Dose in meiner Rechten entwickelt. Auch Fritzi überdenkt sein Vorhaben, die Weltherrschaft an sich zu reißen, noch einmal, denn ein Frühstück lässt sich nun mal nicht gegen Gold aufwiegen. Überdies lässt es sich mit einem vollen Bauch weit besser Flausenpläne schmieden. Und sie seien ihnen verziehen, diese kleinen Streiche und Neckereien, wo ihr Hiersein dem gesamten Rudel so viel Freude bereitet.

Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Deus lo vult – Gott will es

Wir wissen doch alle, wie es sein kann; man erwischt die falsche Ausfahrt bei der Autobahn und plötzlich steht man vor der Frage … wo bin ich? Bestimmt gibt es auf dieser Welt so mancherlei Orte, an denen man sich eine solche Frage garantiert nicht stellen möchte. In meinem Fall ist es das endlose Labyrinth von Tunneln, tief unter der Stadt der Liebe. Allerdings habe ich mich auch nicht verlaufen, sondern bewege mich sicheren Schrittes auf mein Ziel zu. Es sind geheimnisvolle Gänge, die ich passiere, dunkel und weitläufig und teilweise bis zu fünfundvierzig Meter tief im Fleisch der Erde verborgen. Es sind Korridore, die vor unvorstellbar langer Zeit gegraben wurden, Hallen die Abertausende von Toten bergen … stille Begräbnisplätze und einige sind ausgemalt mit frühchristlichen Bildnissen. Hier befindet sich die Wiege von Paris und das Grab von Godefroid Leclerc dem Kreuzfahrer. Meine einzige Lichtquelle ist eine Taschenlampe, deren flackernder Schein davon zeugt, dass die Batterien allmählich leer sind. Ich bin mir der Gefahren bewusst, die in der Dunkelheit auf mich warten, mich umkreisen und ihre Augen des Todes fest auf mich gerichtet haben. Es gibt wohl keinen besseren Einblick in die Vergangenheit, als jene Toten die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben. Stille umgibt mich, lässt meine Schritte an den kargen, feuchten Steinwänden fürchterlich laut widerhallen. Es ist gefährlich durch die seit Urzeiten verwaisten und vom Atem der Fäulnis angehauchten Katakomben zu gehen … erst recht, wenn das Licht einem knapp wird. Hier, im Reich der Finsternis, vermag kein Sonnenschein das Auge zu erfreuen. Wie also soll ich den Weg zurück noch finden, wenn die Taschenlampe den Geist aufgegeben hat? Aber in diesem Moment ist mir das egal. Ich kann jetzt keinen Rückzieher machen. Nicht jetzt und so unmittelbar vor meinem Ziel. Ohnehin zwingt mich eine übernatürliche Macht dazu meiner Pfade weiter zu schreiten, stets tiefer in die Hünengräber und vorbei an den Gebeinen fremder Menschen, deren Geschichten schon längst in Vergessenheit geraten sind.

An dieser Stelle tut es Not zu wissen, dass ich Zeit meines Lebens ein Angsthase bin. Die Dunkelheit macht mir schon seit jeher zu schaffen und wer das beklemmende Gefühl von Nachtangst einmal am eigenen Leib erfahren hat, kann jene Furcht gut nachvollziehen, die mit jedem schnellen Herzschlag durch meine Venen pulsiert. Spätestens jetzt werden Sie sich, verehrter Leser, natürlich fragen, warum ich mich an einen Ort begebe, der dunkler nicht sein kann. Alles begann an diesem regenverhangenen Samstag vor vier Jahren. Damals strotzen wir allesamt vor jugendlichem Leichtsinn und begingen Fehler, die jeder meiner geliebten Freunde mit dem Leben bezahlt hat. Wir trafen uns alle bei Marius, meinem Bruder, dem der Hang zum Mystischen wohl von unserer Grossmutter einverleibt wurde. Da unsere Eltern arbeitsbedingt mehrere Wochen im Jahr auf Reisen waren, kam es das wir mit Oma Esmeralda viel Zeit verbringen durften. Sie wiederum fütterte uns mit Geschichten von fremden Mächten, von Geistern und Magie. Gewiss verrät ihr Name schon viel über die Herkunft meiner Grossmutter. Sie war eine waschechte Zigeunerin, eine Sinti oder Roma, ganz gleich wie Sie es nennen mögen. Und für sie war der Vampir- und Werwolfmythos nicht einfach ein Ammenmärchen, sondern die Schattenseite der Realität. Mit der Geisterwelt verhielt es sich mit Nichten anders. Von Oma Esmeralda hatte Marius auch das Hexenbrett, mit dem wir am besagten Tag vor vier Jahren aus purer Langeweile heraus zu experimentieren begannen. So zündeten wir, um eine düstere und mythische Stimmung zu schaffen, alle Kerzen an, die wir finden konnten, und riefen einen Geist zu uns, genau so wie wir es von Grossmutter gelernt haben. Entgegen allen Erwartungen schafften wir es tatsächlich eine gestorbene Seele in unsere Runde zu locken und die meisten von uns glaubten steif und fest daran, einem legendären Streich meines Bruders auf den Leim gegangen zu sein. Trotzdem liessen sie sich auf die kleine Scharade ein. Auch ich war davon überzeugt, dass wir damit ja niemandem würden schaden können. So fragten wir den Geist nach seiner Herkunft und es stellte sich heraus, das man ihn bei seiner Geburt mit dem Namen Godefroid bedacht hat. Zudem hat er in Italien sein Leben gelebt und ist in Paris gestorben.

Des gefährlichen Spiels mit der Totenwelt überdrüssig geworden, lösten wir die Geisterbeschwörung nur fahrig auf und achteten nicht darauf, ob uns der Geist wirklich verlassen hat … dabei war es genau das, was Oma Esmaralda uns stets aufs Neue zu predigen vermochte.

Seid vorsichtig!“, waren ihre Worte, „Geister sind heimtückische Wesen.“

Und heute weiss ich, was sie damit gemeint hat, denn wo unsere harmlosen Versuche mit dem Hexenbrett Spielereien unter Freunden gewesen sind, wurden sie schnell zum bitteren Ernst. Godefroid hat uns nicht verlassen. Er nistete sich, einer widerwärtigen Zecke gleich, in unseren Köpfen ein und suchte uns in den Träumen heim. Ohne weiter über diesen Tag nachzudenken und unabhängig voneinander, begannen sich unsere Gedanken zu verändern. Wir träumten von Blut und Verderb … dies nicht nur nachts, sondern auch tagsüber. Schon ein paar Tage nach der Beschwörung sahen wir Dinge, die nicht da waren, nur um die Realität kurze Zeit später vollends aus den Augen zu verlieren. Sieben waren wir, die da mit dem Geist in Kontakt getreten sind. Zwei Jahre später haben sich bereits vier von uns das Leben genommen. Marius und seine Freundin haben ihre Selbstmordversuche überlebt und wurden aufgrund irrationaler Wahnvorstellungen in eine psychiatrische Uniklinik eingewiesen. Nur kurz darauf hat sich mein Bruder gelyncht und seine Lebensgefährtin zuvor mit einer Kabelbinde erdrosselt. Sodann war ich von diesem Moment an das letzte noch übrig gebliebene Zeugnis eines verregneten Tages vor vier Jahren. Nun war ich die letzte noch lebende Zeugin von Godefroids düsterem Erwachen, welches wir zu verschulden hatten. Zudem war der geballte Zorn dieses unberechenbaren Wesens nun vollends und ausschliesslich auf mich fixiert. Von diesem Zeitpunkt an war seine düstere Präsenz in jeder Faser meines Körpers spürbar. Er nagte an mir, labte sich an meiner Angst, die ihn zu allem Überfluss noch nährte, noch stärker machte, als er es ohnehin schon war. Sein Begehr war unverkennbar, sein Plan dafür absolut in seinen finsteren Gedanken verborgen. Er wollte meiner mächtig sein, doch zu welchem Zweck? Was bewog ihn dazu mich derart zu strafen, meine Seele zu martern und zu geisseln? Mein letzter mir ersichtlicher Rettungsanker war es zu jenem Ort zurückzukehren, an dem alles begonnen hat. Marius‘ Wohnhung war allerdings schon längst weitervermietet, aber das Hexenbrett ist nach seinem Ableben in meinen Besitz übergegangen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mit dem Geist, der meine Seele marterte, in Kontakt zu treten. Die untote Seele aber war mir bei der neuerlichen Beschwörung nicht sonderlich gnädig. Sie hatte nicht vor mich vom Leid seiner Obhut zu befreien und genauso wenig klärte sie mich darüber auf, welchem Zweck ich dienlich bin. Dennoch war das Unterfangen nicht zur Gänze ein Reinfall, so konnte ich in Erfahrung bringen, dass sein voller Name Godefroid Leclerc war und er in einer Zeit gelebt haben muss, die für uns nur noch anhand geschichtlicher Fakten ersichtlich ist. Marius sagte einst zu mir, dass Google jede Frage beantworten könne. Ich selbst war bis Dato mit der Magie des Internets nicht sonderlich vertraut, aber bereit der sagenumwobenen Suchmaschine eine Chance einzuräumen. Was hatte ich auch zu verlieren? Ausserdem musste ich zu meiner Überraschung feststellen, dass mich Google tatsächlich mit einem Treffer beschenkte. Im Jahre 1095 soll es einen Godefroid Leclerc gegeben haben. Am 27. November des besagten Jahres gehörte er in der französischen Kleinstadt Cermont zu den Ersten, die nach der aufflammenden Rede von Papst Urban dem II das Kreuz nahmen, um im Namen Gottes nach Jerusalem zu ziehen. Er war demnach ein Kreuzfahrer, allerdings stellte sich nach weiteren Recherchen heraus, dass er es letzten Endes nicht einmal bis ins gelobte Land geschafft hat. Anfangs des Jahres 1096 muss er, so stand es im Internet geschrieben, einem ungeklärten Mord zum Opfer gefallen sein. Seine Gebeine wurden in den Totenhallen von Saint-Germain-des-Prés aufgebahrt und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts mitsamt Sechsmillionen anderer toter Pariser in den heutigen Katakomben verstaut.

Von diesem Abend an opferte ich meine ganze Zeit dafür auf, mehr über jenen Geist in Erfahrung zu bringen, der mein Leben zu einem qualvollen Dasein geformt hat. Mit der Zeit war ihr sogar fähig Fragmente seiner Lebtage in Reih‘ und Glied zu bringen. Es stellte sich heraus, dass der einstige Kreuzfahrer vor seinen Tagen als Ritter einige Jahre dem Vatikan dienlich gewesen ist. Wie sich mir der Eindruck erschloss, pflegte er in diesem Lebensabschnitt regen Kontakt zu keinem geringeren als dem Papst höchstselbst. Aus Gründen, die den Geschichtsschreibern wohl nicht bekannt sind, brach er seine Zelte im Vatikan äusserst übereilt ab. Kurz darauf war er in Clermont gesehen und wenig später verzeichnete man ihn Tod. Ich bin wahrlich kein Freund von Verschwörungstheorien, lieber Leser, aber diese Informationen stanken förmlich nach gewaltigen Intrigen, die im Strom der Zeit verblasst sind. Allmählich wurde mir gewahr, was zu tun war! Es reichte nicht Godefroid um Erlösung anzuflehen. Nicht einmal mir selbst das Leben zu nehmen war eine Option, denn die Kreatur, der ich mich zum Knechte gemacht habe, würde seine Gelegenheit nicht verstreichen lassen und nach meinem Ableben ganz gewiss neue Opfer suchen, die sein Vorhaben in die Tat umsetzen können. Ein ewiger Teufelskreis und anhand meiner Nachforschungen verstand ich meinen Peiniger sogar. Es war an der Zeit zum wahren Ursprung allen Übels vorzudringen, zu dem Tag an dem die ganze Geschichte seinen Lauf genommen hat. Natürlich war es mir nicht möglich in der Zeit zurückzureisen, allerdings wusste ich ja nun wo die sterblichen Überreste Leclecs dem Kreuzfahrer zu finden sind und diese Erkenntnis war es letzten Endes, die mich tief unter die Stadt der Liebe geführt hat.

Mittlerweile sollte sich dem aufmerksamen Leser auch erschlossen haben, dass ich keinesfalls alleine hier unten bin. Godefroid, mein ständiger Begleiter seit so vielen Jahren, hat sich meine sterbliche Hülle mächtig gemacht und so kann ich fühlen, wie er mich mit jedem Schritt näher zu der Wahrheit führt. Just in diesem Moment ist es so weit. Der Schein der Taschenlampe verstirbt und lässt mich in einer alles umfassenden Finsternis zurück. Und trotzdem halte ich nicht inne, denn schliesslich kenne ich meinen Weg so gut, als wäre ich ihn zeit meines Lebens schon Hunderte Mal gegangen. Minuten vergehen wie gefühlte Ewigkeiten, in denen mein Schritt das Einzige ist, was dröhnen von jenen Wänden widerhallt, die unter dem Zahn der Zeit bröckelnd eine der grössten Friedhöfe bergen, von denen ein Mensch je gehört hat. Allmählich beginne ich zu glauben, dass auch ich über kurz oder lang an die Katakomben von Paris meinen letzten Atem verschenken werde. Vor dem Tod fürchte ich mich allerdings schon lange nicht mehr. Viel mehr sehe ich in ihm jene Erlösung, die mir endlich den inneren Frieden zurückgeben kann, der mir auf meinen verschlungenen Lebenspfaden und durch die Hand eines Geistes so gewaltsam entrissen worden ist.Hastig biege ich um eine Ecke, tauche in einen weiteren urzeitlichen Korridor ein und erblickte etwas, dass die in mir brodelnden Erwartungen zu einem regelrechten Gefühlssturm heranwachsen lässt. Vor mir, in einer Entfernung von mehr als fünfzig Schritten, kann ich einen schwachen Schimmer ausmachen. ‚Ein Ausgang!‘, schiesst es mir durch den Kopf, auch wenn mein zweiter Gedanke jedweden Hoffnungsfunken im Keim zu ersticken weiss. Ich kann mich daran erinnern, wie ich kurz nach siebzehn Uhr die Totenwelt von Paris betreten habe. Mittlerweile lenkt mich Godefroid schon einige Stunden durch die Katakomben, also muss die Nacht bereits stark vorangeschritten sein. Was ich vor mir sehe, ist also keinesfalls ein wegweisender Sonnenstrahl der mich von der Dunkelheit befreien könnte. Ohne es wirklich zu bemerken, setze ich mich wieder in Bewegung. Ich nähere mich dem schwachen Schein und stelle verblüfft fest, dass es sich um das flackernde Licht von mehreren Kerzen handelt. Der Gang verläuft in einer leichten Biegung und so bemerke ich die Tatsache erst, in einer Sackgasse zu stecken, als ich mich unmittelbar in einer Grabkammer wiederfinde. Und genau in diesem Moment macht sich mein Peiniger meine fleischlichen Hülle vollends zu eigen. Er kriecht in mich hinein und macht es mir völlig unmöglich meinem Körper noch einen einzigen Befehl zu geben. Lediglich kann ich sehen, wie ich mich vor den Grabstein stelle, der in zwei Meter Länge und mit fein geschwungenen Buchstaben versehen in den Boden der Kammer eingelassen ist. Bei näherem Hinsehen kann ich lesen, welche Worte vor so unglaublich langer Zeit in den Grabstein gemeisselt worden sind. ‚Deus lo vult!‘ Gott will es! Jene Worte hatten den Kreuzfahrern im geheiligten Land als Schlachtruf gedient und nun bin ich mir sicher mein Ziel erreicht zu haben. Um diese Erkenntnis reicher hebt sich meine Hand und ballt sich zur Faust, die anschliessend mit brachialer Gewalt auf den Stein vor mir hernieder saust. In diesem Augenblick bringe ich eine Kraft auf, die mit absoluter Sicherheit nicht die meine ist. Ich kann fühlen wie beim harten Aufprall sämtliche Knochen meiner Finger zerbersten, doch spüre ich durch meine Besessenheit keinen Schmerz. Zu meiner Überraschung zerspringen nicht nur meine Handknochen in Splitter, nein, auch der Stein bricht in Stücke und lässt einen Blick in die Eingeweide des vor mir befindlichen Grabes zu. Es ist leer … mindestens wenn man, wie ich, mit menschlichen Überresten gerechnet hat. Stattdessen ist der einzige Inhalt eine uralte Schriftrolle, die schon beim blossen Ansehen in Staub zu zerfallen droht. Dennoch greife ich mehr als unvorsichtig nach ihr, befreie sie vom Siegel, welches ein mir unbekanntes Wappen ziert und rolle das vergilbte Pergament vor mir aus.

An Gottfried von Bouillon,

mit äusserster Wehmut wende ich mich an Euch, verehrter Herzog von Niederlothringen, doch weiss ich mir nicht anders zu helfen, als mir die Wahrheit von der Seele zu schreiben. Wir sind im Begriff den grössten Fehler unserer Geschichte zu tun. Der Kreuzzug ins heilige Land ist ein Fehler, ein abgekartetes Spiel und lediglich dazu dienlich die Kirche des Ostens unter die Hand des Pontifex zu führen. Wir sind im Begriff wie Hunde in unser Heiligtum zu fallen und im vermeintlichen Namen Gottes unser allerheiligstes zu entweihen. Papst Urban der Zweite ist ein Hochstapler und ich kann es beweisen. Ich bitte Euch Herzog, nein ich flehe euch an, folgt der Eule zur schwarzen Dame Frankreichs und macht Euch mein Wissen zu eigen, bevor Ihr euch an jenem Frevel beteiligt, der die Kirche für immer in Schatten tauchen wird!

Hochachtungsvoll

Godefroid Leclerc

Mit dem letzten gelesenen Wort verlässt mich mein Peiniger und wirft mich zeitgleich in ein Meer aus Schmerzen. Jetzt kann ich die mehrfach gebrochenen Knochen in meiner Hand spüren, die mich dazu zwingen meine Qualen in die dunkle Unterwelt der Katakomben hinausszuschreien. Wenn ich später darüber nachdenke, begreife ich vielleicht, dass auch das seinen Grund gehabt haben muss. Es dauert nicht allzu lang, bis ich das Bewusstsein verliere und nicht mehr mitbekomme, dass meine Schreie erhört worden sind. Ich befinde mich unmittelbar unter der Benediktinerabtei von Saint-Germain-des-Prés, unmittelbar unter dem Kirchenschiff und meine Stimme drang wohl an das Ohr eines betenden Geistlichen, der mir dann mit einer handvoll Kollegen zur Hilfe geeilt ist.

Drei Tage und Nächte später erwache ich im Hospital Bichat-Claude Bernard und fühle mich … frei! Godefroid scheint verschwunden zu sein. Auch wenn mich seine Geschichte nicht unberührt lässt, hat sie mir doch nahezu alles genommen was ich geliebt habe. Man erzählt mir von meinem einzigartigen Fund, der die Geschichte der Kirche vermutlich ewiglich in ein anderes Licht rücken wird. Wie ich darauf gekommen sei, will man wissen. Noch viel wichtiger erscheint ihnen die Frage, wie es mir gelungen ist, so tief in die Katakomben von Paris vorzudringen.

Ein Geist war mir behilflich“, ist meine Antwort, die als Witz angesehen und belächelt wird. Auch ich lächle, will meinen Schein wahren und gebe zu, dass es wohl einfach Zufall gewesen sei. Obgleich Godefroid Leclerc verschwunden ist, stehe ich vor einer Geschichte, der ich weiterhin auf den Grund gehen will. Ich bin es meinen Freunden schuldig die volle Wahrheit herauszufinden, denn nur ihretwegen mussten sie sterben. Ja, die Wahrheit wird ihre Seelen befreien. Deus lo vult! Ich beginne meinen eigenen Kreuzzug. Im Namen Gottes, doch gegen seine irdischen Fürsprecher.

Veröffentlicht in Allgemein, Kurzgeschichten

Schlammgründeln / ABC.Etüden

Meine erste ABC.Etüde. Mehr dazu findet ihr hier und hier 🙂

Erst vor kurzem las ich von Menschen, die sich tatsächlich die Zeit dafür nehmen die Gestade etwaiger Flüsse nach verborgenen Schätzen abzusuchen. Sie halten nach Geheimnissen Ausschau, die unter dem Staub gefühlter Äonen vergraben und vom Zahn der Zeit zermalmt worden sind. Wie wohl die überwiegende Mehrheit meiner Spezies habe ich mich nach dem gelesenen Artikel gefragt, wie man nur auf eine so eigenartige Idee kommen kann. Trotzdem musste ich mich beim nächsten Besuch am Ufer des schwäbischen Meers dabei erwischen, wie mein Blick aufmerksamer als gewöhnlich über den Seestrand huschte – nach verborgenen Schätzen suchend. Mich fragend, was sich wohl unter dem einen oder anderen Stein verbirgt. Und mit Mal war mir die Faszination jener, die sich da wenig engelhaft durch den Schlamm wühlen und Fragmenten verblasster Zeit nachspüren, gar nicht mehr so suspekt. Es muss aufregend sein auf einen Splitter der Vergangenheit zu stoßen, der von Wassers Flut an den Strand gespült worden ist. Stellt euch nur mal all die unerzählten Geschichten vor die auf uns warten könnten, sähen wir die Welt aus den Augen eines Schlammgründlers! Ein verlorengegangener Schlüssel ist dann eben nicht mehr nur ein Stück wertloses Altmetall, sondern das passgerechte Gegenstück zu einem Türschloss, hinter dem sich aberdutzende neue Geschichten auftun von denen wir vermutlich niemals vernehmen werden. Schlammgründeln mag man zunächst als eigenartiges Hobby abtun können, auf den zweiten Blick aber bringt es ungeahnt eine neue Farbe ins grau in grau des Alltags. Probier’s aus! Wende das Augenmerk beim nächsten Ausflug vom Handydisplay weg auf die Straße. Es wartet ein ganzes Meer unerzählte Geschichten darauf ins geschriebene Wort konserviert zu werden und oftmals finden wir sie, verborgen unter Steinen und Schlamm, direkt vor unserer Nasenspitze.

Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Das Haus auf dem Hügel (FSK 16)

Ich hatte unlängst mein vierzehntes Lebensjahr erreicht, als Vater den Entschluss fasste unsere kleine Wohnung im Herzen New Yorks aufzugeben, um aufs Land zu ziehen. Er erhoffte sich dadurch dem oftmals turbulenten Stadtleben zu entfliehen und seiner Familie, um die er sich stets liebevoll zu kümmern wusste, ein friedlicheres Leben bieten zu können. Nur kurze Zeit später fanden meine Eltern auch schon ein Haus das zum einen ihrer Preisklasse entsprach und zum anderen genügend Platz besass, auf dem sich die jüngsten Sprösslinge der Familie wunderbar würden entfalten können. Mit dem Vorhaben, die Besichtigung des besagten Grundstücks in einem Familien – Wochenendurlaub unterzubringen, verschlug es uns nur eine Woche später nach Jerusalem´s Lot. Fürwahr besass dieser überschaubare Ort in den Bergen seinen ganz eigenen ländlichen Charme. Seit zweihundert Jahren, so formulierte es meine Mutter, fände man hier erholsame Ruhe vor dem Getümmel der Grossstadt. Doch barg diese scheinbar so idyllische Kleinstadt, so empfand ich es auf meine damals jugendliche Weise von Anfang an, seine dunklen Geheimnisse. Obgleich das wunderbare Fleckchen Erde auf Anhieb heiter und freundlich wirkte, sträubten sich mir beim Gedanken, hierher zu ziehen, aus unerfindlichen Gründen sämtliche Nackenhaare. Trotz allem freute ich mich auf das was vor mir lag und staunte nicht schlecht, als ich das alte Herrenhaus auf dem Hügel zum ersten Mal erblickte.

In der Tat waren wir alle sehr beeindruckt von dem im Kolonialstil erbauten und mit Liebe in Stand gehaltenen Grundstück, welches schon über ein Jahrhundert hinweg Wind und Stürmen trotzte. Auf Anhieb hatte Vater es ins Herz geschlossen, das geweisselte Mauerwerk aus starkem Eichenholz, die hohen Fenster mit Blick auf den nahegelegenen Friedhof und die liebevoll handgefertigte Veranda, die sich einmal um das ganze Haus erstreckte. Auch Mutter war begeistert und als man uns vorschlug, die wenigen Tage in Jerusalem´s Lot auf jenem weitläufigen Areal zu verbringen, nahmen wir das Angebot freudig an. Noch am selben Abend, es war an einem Donnerstag im Spätherbst 1983, bezogen wir das Darkriver – House auf dem Hügel, wobei wir sogleich übermütige Pläne darüber zu schmieden begannen, wie unser neues Leben auf dem Land aussehen sollte. Tatsächlich fühlten wir uns auf dem bis Dato verwaisten Anwesen auf Anhieb heimisch. Vor allem wir Kinder konnten es kaum erwarten unsere Zimmer nach Gutdünken selbst auszusuchen. Auch wenn die Gefahr bestand, dass wir nach dem Wochenendurlaub nie wieder hierher zurückkehrten, bereitete es der Familie fürwahr grosse Freude sich ein Leben in der Abgeschiedenheit von Jerusalem´s Lot auszumalen.

Nach ausschweifenden Überlegungen und einem kurzen aber hitzigen Streitgespräch mit den Geschwistern, beanspruchte ich das Zimmer am Ende des langen, düsteren Korridors im zweiten Stock. Noch heute erinnere ich mich lebhaft daran, wie bedrückend und unheimlich dieser Flur auf mein junges Gemüt zu wirken vermochte, an dessen Ende mein kleines aber feines Reich auf mich wartete. Von Anfang an strömte beim Passieren dieses Ganges ein beklemmendes Gefühl durch meinen Körper und dies sollte mitnichten vergehen, je öfter ich den Weg zu gehen hatte. Ja, ich fürchtete mich, auch wenn mir der blosse Menschenverstand unweigerlich preisgab, dass alles in bester Ordnung war. Und als ich zum ersten Mal meine eigenen vier Wände betrat, in der Mitte des grosszügig bemessenen Zimmers stehen blieb, rechnete ich bestimmt nicht mit jenem Schrecken, der mich sodann erwarten sollte. Mit einem ohrenbetäubenden Knall und einer brachialen Gewalt, welche die alten Wände des Hauses erzittern liess, schlug die Tür hinter mir zu. Natürlich versuchte mein Verstand sogleich in Windeseile nach einer rationalen Erklärung für dies Erlebnis zu suchen. So liess ich es unbedacht dem Durchzug anheimfallen, obgleich mir durchaus klar war, dass weder in meinem Zimmer noch im Rest des Hauses ein Fenster offen stand. Natürlich wäre ich auch bei dieser Theorie geblieben, hätte sich das bizarre Schauspiel nicht ein zweites und ein drittes Mal abgespielt. So wahr ich hier schreibe sah ich mit eigenen Augen, wie sich die Tür zu meiner Kammer von Geisterhand öffnete, nur um mit einem neuen ohrenbetäubenden ‚Rumms‘ wieder ins Schloss zu fallen. Lieber Leser, gewiss können Sie sich vorstellen, wie perplex ich war, als just nach den seltsamen Ereignissen Vater wütend ins Zimmer stürmte.

„Hör gefälligst auf mit den Türen zu schlagen“, befahl er mir unwirsch, „und hab etwas Respekt vor diesem alten Haus! Gewiss hat es weitaus mehr gesehen, als wir es jemals für möglich halten.“

Wie vom Donner gerührt stand ich da und blickte meinem Vater erschrocken ins Antlitz. Sicherlich wäre mir durchaus das Recht anheimgefallen an dieser Stelle meine Unschuld zu beteuern, doch war es mir nicht möglich nur einen einzigen Ton aus mir heraus zu pressen. Stattdessen nickte ich kleinlaut, während sich mein Verstand einem Ertrinkenden gleich an den Irrglauben klammerte, dass das Gesehene rational zu erklären sei. Aber trotz allem … wo ich es zuvor noch mit einem unguten Gefühl zu tun hatte, war dieses Empfinden mittlerweile zu einer schwelenden Furcht herangewachsen.

Nach dem Diner war der Schrecken halbwegs von mir abgefallen und als uns Mutter für einen abendlichen Spaziergang am unweit gelegenen See aus dem Haus lockte, verblasste die Erinnerung an die ghoulischen Ereignisse sogar vollends. Ich dachte nicht mehr daran, als man mich gegen zweiundzwanzig Uhr zu Bett schickte, und schlief ob den positiven Strapazen des hinter mir liegenden Tages sofort ein … doch dieser Frieden bestand lediglich aus Raten, wie mir bald schon gewahr werden sollte. Es musste weit nach Mitternacht gewesen sein, als mich das dumpfe Knarren von schweren Schritten auf morschen Bodendielen aus dem tiefen Schlaf riss. Anfangs glaubte ich es müsse Vater sein, der wie in jeder Nacht für ein kleines Geschäft und einen Schluck Wasser das Badezimmer aufsuchte, doch je wacher meine schlaftrunkenen Sinne wurden, desto eingehender wurde mir die grausige Erkenntnis zuteil, dass die Schrittlaute keinesfalls auf dem Flur vor meiner Stube ihren Ursprung fanden. Viel mehr verhallten die rumpelnden Geräusche über mir, auf dem Dachboden, von dem mich nur eine marode, morsche Zimmerdecke trennte. Schlagartig wurde das Blut in meinen Adern klamm, während ich ob Furcht gelähmt in meinem Bett lag und den unheilschwangeren Schritten lauschte, die knapp zwei Meter über meinem Kopf zielstrebig einher marschierten. Der Rest des Hauses war in ein solch bedrückendes Schweigen gehüllt, dass man dem Glauben hätte erliegen können die Welt höchst selbst habe den Atem angehalten, nur um diesem mysteriöse Gerumpel auf dem Dachboden die Möglichkeit zu geben tief in die Eingeweide des Darkriver – Anwesens vorzudringen. Unweigerlich stellte ich mir die Frage, ob meine Eltern und Geschwister nicht ebenfalls von den grausigen Schrittgeräuschen erwacht waren, nur um ihnen – gleich wie ich – sorgenvoll zu lauschen. Dass die beunruhigende Stille im Haus auf dem Hügel anhielt, verriet mir schnell, dass dem nicht so war und als ich meinen Eltern am Frühstückstisch von den seltsamen Gegebenheiten der letzten Nacht erzählte, tat man meine Erlebnisse als Hirngespinste einer blühenden Fantasie ab.

Mein Vater war immer ein sehr sachlicher Mensch gewesen. Gewiss wollte er daran glauben, dass die unheimlichen Laute nach Mitternacht ausschliesslich ein Produkt meiner Fantasie waren. Seine unbarmherzige Weigerung sich mit meinen Gefühlen auseinanderzusetzen, brachte mich in Rage, wobei ich mir nichts sehnlicher wünschte, als das Wochenende frühzeitig abzubrechen, um Jerusalem´s Lot für immer den Rücken zu kehren. Immerhin zeigte sich Mutter gutherzig und warf einen Blick auf den Dachboden, doch die Tatsache, dass da oben nichts Aussergewöhnliches zu sehen gewesen war, wusste mein aufgewühltes Gemüt mitnichten zu beruhigen.

Bereits nach dem Frühstück hatte meine Laune den absoluten Tiefpunkt erreicht. Trotzdem willigte ich ein die Familie beim Grosseinkauf fürs Wochenende zu unterstützen. Dazu war ein Ausflug in den nächstgelegenen Weiler notwendig, welches gut und gern eine halbe Stunde vom Darkriver – House entfernt lag. Ich meine mich zu entsinnen, dass Mutter Zuhause blieb, wohl um das Anwesen einmal ordentlich durchzulüften und vom Staub zu befreien, der wie Gezeitensand über Jahrzehnte hinweg auf das antike Inventar nieder gerieselt war. Ebenfalls erinnere ich mich an Mutters fahles Antlitz, als wir am frühen Nachmittag wiederkehrten. Wir fanden sie verstört auf der hölzernen Verandatreppe sitzend vor, wobei sie sich anfangs sogar weigerte auch nur einen einzigen Schritt über die Schwelle dieses Hauses zu tun. Etwas musste diese sonst so taffe Frau bis aufs Mark erschüttert haben, was mich schlagartig zu der Erkenntnis brachte, dass ihr die vermeintliche Traumresidenz – gleich wie mir – eine höllische Angst einjagte. Leider sollten wir Kinder nie in Erfahrung bringen, was sie so sehr zu erschrecken wusste, und in Anbetracht dessen, dass der Tag noch weitaus seltsamere Geschehnisse für uns bereithielt, geriet die Frage danach ganz einfach in Vergessenheit.

An diesem Freitagnachmittag im Spätherbst sah ich meinen Vater nämlich zum ersten Mal zur Flasche greifen. Als gebranntes Kind eines schwer alkoholabhängigen Bauarbeiters war ihm das Trinken stets zuwider gewesen. Noch heute stelle ich mir die Frage, was ihn gerade dann dazu bewog an besagtem Tag aus heiterem Himmel so tief ins Glas zu blicken. Ein heimlicher Lauschangriff auf meine Eltern brachte nur vage Licht ins Dunkel, doch vernahm ich auf diese Weise Mutters Flehen keine weitere Stunde im Haus auf dem Hügel verbringen zu müssen. Vater offenbarte ihr bei diesem Gespräch jene bittere Wahrheit, die Gunst des Ausfluges genutzt zu haben, um bei der örtlichen Bank eine Anzahlung auf das Anwesen zu leisten. Sein Entschluss, der da lautete in Jerusalem´s Lot ein neues Leben zu beginnen, stand für den Herrn des Hauses fest und er war keinesfalls bereit den Traum vom soliden Eigenheim so schnell wieder zu begraben. Volltrunken bedrohte er meine Mutter, setzte sie körperlich und seelisch unter Druck, während ich starr vor Schreck in meinem Versteck jedes einzelne Wort vernahm, das in der Hitze des Momentes gefallen war. Natürlich gab es zwischen meinen Eltern zuvor schon dann und wann das eine oder andere hitzige Gespräch, welches uns Kindern mitnichten entgangen war, doch was sich in dieser angehenden Nacht zwischen den beiden abspielte, war mit keinem vorhergehenden Streit zu vergleichen. Damals wusste ich nicht, was ich denken sollte, aber heute, wenn ich als erwachsene Frau zurückblicke, gibt es für mich keinen Zweifel daran, dass mein alter Herr von jenen dunklen Mächten aufgestachelt war, die unweigerlich durch das gespenstische Anwesen pulsierten. Vaters unerwartet heftig ausfallender Wutausbruch auf Mutters Flehen verstörte mich zutiefst. Ich war nicht in der Lage zu verstehen, was in jenen ehrenhaften Mann gefahren war, zu dem ich Zeit meines bisherigen Lebens mit Stolz aufgeblickt habe.

Die Sorge um meine Eltern, gepaart mit den unheilvollen Erfahrungen die mir an diesem Ort zuteilgeworden sind, machte es mir in dieser Nacht undenkbar schwer zur Ruhe zu kommen. Letztlich gelang es mir aufgrund schierer Erschöpfung doch noch in einen unruhigen Dämmerschlaf hinüberzugleiten, aus dem ich jäh erwachen sollte, als eine eisige Berührung über meine Wange streichelte. Ich musste meine Augen nicht öffnen, um zu wissen, dass diese nahezu zärtliche Liebkosung nichts Menschlichem anheimfiel. Dennoch schossen meine Augenlider rasch empor und was mein Blick erfasste, sollte meine Sicht auf die Welt völlig auf den Kopf stellen. Nennen Sie mich eine Lügnerin, verehrter Leser, doch sah ich, was ich sah: Über mir schwebte eine totenbleiche, weissgewandete und geisterhafte Frau. Ihr langes, graues Haar tänzelte in den Wogen eines nicht vorhandenen Windstosses, während ihr gebrochener, blutunterlaufener Blick eisig auf mich hernieder starrte. Er tat mir nichts, der Geist im weissen Nachtgewand, von dem ich heute schätze, dass es in den zwanziger Jahren sicherlich absolut in Mode gewesen sein könnte. Lediglich blickte sie mit ihren fahlen Seelenspiegeln, die ein leidvolles Leben offenbarten, auf mich herab. Obgleich sich mir das unheimliche Wesen nur einen kurzen Moment zeigte, waren die verstrichenen Sekunden gefühlten Stunden gleich. Starr vor Schreck blickte ich zu ihr empor, während der panische Schrei, der mir unweigerlich auf den Lippen lag, in meiner Kehle stecken blieb. Ja, es war mir nicht möglich der Todesangst freien Lauf zu lassen, die mit jedem kräftigen Herzschlag schonungslos durch meine Adern pumpte. Es schien, als wäre dieser schaurige Blick des Geistes dazu befähigt jede Faser meines dereinst jungen Körpers zu lähmen. Und von einem panischen Lidschlag zum nächsten … war sie fort!

Meine Schockstarre hielt noch eine nicht enden wollende Ewigkeit an, doch als es mir gelang mich neuerlich zu rühren, rannte ich wie vom Wahnsinn gepackt aus meiner Stube. Mein Ziel war das elterliche Schlafgemach, doch da erwartete mich weder Verständnis noch Trost. Nachdem ich meine Geschichte zum Besten gegeben hatte, schickte mich Vater schlafen und verbot seiner Frau jegliche Einmischung. Nach der Eskalation ihrer Streitgespräche am Vorabend fürchtete sich Mutter wohl zu sehr vor ihm, um sich seiner Anweisung zu widersetzen. Ich durchlebte nur wenige Minuten zuvor ein traumatisches Erlebnis und meine Eltern schickten mich zurück ins Bett! Es war naheliegend, dass mir nichts ferner lag als jemals wieder einen einzigen Tritt in diesem verfluchten Zimmer verklingen zu lassen. In all den Jahren ist es mir obendrein nie zur Gänze gelungen diesen einen Moment zu vergessen, jenen Augenblick, als Vater mir die Zuflucht verwehrte, die ich so dringend benötigt hätte. Sein Verhalten verletzte mich tief, so sehr, dass sich nach dieser Nacht nie wieder ein liebevolles Verhältnis zwischen uns hätte entwickeln können. So blieb mir nichts anderes übrig, als die schier endlosen Stunden bis zum Morgengrauen einsam und verängstigt auf dem Sofa im Wohnzimmer auszuharren. Fürwahr liess der neue Tag dann auch noch viel zu lange auf sich warten, wobei mein aufgewühltes Gemüt selbst dann nicht zur Ruhe kam, als sich die ersten fahlen Sonnenstrahlen im milchigen Fensterglas des alten Hauses auf dem Hügel brachen.

Was folgte war ein unterkühltes Frühstückritual, bei dem sich ein jeder lediglich in eisiges Schweigen zu hüllen wusste. Niemand sprach ein Wort. Nicht einmal der jüngste Anhang der Familie, der sich für gewöhnlich schon am frühsten Morgen den Mund zerreissen konnte, vermochte es der unnatürliche Stille im Raum Einhalt zu gebieten. Am ehesten entsinne ich mich einmal mehr an Vater und noch heute kommt in mir die Frage auf, wie sich ein Mann seines Schlags in solch atemberaubender Geschwindigkeit verändern konnte. An diesem Samstagmorgen war er lediglich ein Schatten seiner selbst, weit fern von jener gutherzigen Seele, die stets für jedes Mitglied der Familie ein offenes Ohr besessen hat. Sein Antlitz war bleich, wobei er sich mit seinen blutunterlaufenen Seelenspiegeln und den fetten, schwarzen Augenringen kaum noch von dem differenzierte, was mir in der Nacht zuvor einen höllischen Schrecken eingejagt hatte.

Obgleich ein strahlendschöner Tag in Jerusalem´s Lot auf uns wartete, beschlossen meine Eltern kurz nach dem Frühstück den Samstag im Innern des Haus zu verbringen, was die Stimmung innerhalb der Familie zur Gänze gen Nullpunkt trieb. Während sich Mutter ins elterliche Schlafgemach zurückzog und sich Vater – was mir damals äusserst seltsam erschien – etliche Stunden auf dem Dachboden verbarrikadierte, bliesen wir Kinder Trübsal. Zudem war es zu erwarten gewesen, dass mir die Erinnerung an den schaurigen Geist auch während der hellen Stunden ein steter Begleiter war! Je tiefer die rote Sonnenkugel hinter den westlichen Bergkuppen niedersank, desto eingehender fühlte ich wie die emporkriechende Angst in mir jede Hoffnung, nicht noch eine Nacht in diesem Haus verbringen zu müssen, im Keim zu ersticken drohte. Ein markerschütterndes Rumpeln aus dem Obergeschoss, gefolgt von einem erstickten Aufschrei, riss uns Kinder alle gleichermassen aus tristen Gedankengängen. Aufgeschreckt wie junge Küken sahen wir uns entgegen, doch keiner von uns wagte es nur einen kleinen Mucks von sich zu geben. Angespannt lauschten wir, harrten den Dingen die da unheilschwanger auf uns zukommen mussten, doch vernahmen wir lediglich jene unnatürliche Stille, die sich seit dem Einzug im Darkriver – House einem schwarzen Tuch gleich nach und nach über unsere Seelen gebettet hat.

„Das muss der Wind gewesen sein“, klingen die Worte meiner ältesten Schwester noch heute in den Erinnerungen wieder. „Es ist eben ein zugiges, altes Haus“, fügte sie sodann hinzu und obwohl ihre Stimme grosse Zweifel am Wahrheitsgehalt des Gesagten andeutete, tat sie ihr Bestes das Trugbild eines wunderbaren Wochenendes für die Jüngsten der Familie aufrecht zu halten. Ich für meinen Teil war mir sicher, dass das Gehörte nicht dem Wind zur Last gelegt werden konnte, sondern jenem mystischen Wesen, das mir in den dunkelsten Stunden des gestrigen Abends erschienen war. Dennoch schwieg ich mich aus, bis mein Vater zu jenem Diner rief, an dem Mutter Zeit meines Lebens zum ersten Mal nicht teilnahm. Natürlich wunderten wir uns über ihr Fehlen sehr, wagten es aber kaum uns zu erkundigen was ihr denn fehle, als wir mit der plumpen Anmerkung abgespeist wurden, dass sie sich nicht besonders wohl fühle. Nach dem schlimmen Elternstreit, der das Haus am Vorabend schier zum Erzittern brachte, konnte ich ihr die anhaltende Appetitlosigkeit durchaus nachempfinden … konnte das aber tatsächlich der Grund einer liebenden Mutter sein – frage ich mich bis heute stets aufs Neue – beim Abendessen nicht bei ihren Kindern zu sein? Mittlerweile glaube ich allerdings zu wissen, dass meine Mutter zum Zeitpunkt dieses Diners schon längst nicht mehr unter den Lebenden weilte.

Nach dem Abendessen, an dem Vater apart teilnahm und welches einen seltsam bitteren Beigeschmack in sich trug, fühlte ich eine ungewöhnlich starke Müdigkeit über mich hereinbrechen. Nach den letzten beiden nahezu schlaflosen Nächten zuvor wurde mein Körper zwar schon seit den frühen Morgenstunden von einer stetigen Erschöpfung beherrscht, doch nun fühlten sich meine Glieder regelrecht bleiern an. Gleichwohl ich mit aller Gewalt versuchte wach zu bleiben, erlag ich noch am Tisch einem tiefen, traumlosen Schlaf. Heute bin ich für die Tatsache dankbar, nicht mitbekommen zu haben wie Vater – oder das was zu diesem Zeitpunkt noch von seiner Seele übrig war – meine Geschwister getrieben vom schieren Wahnsinn auf den Dachboden schleifte, um sie allesamt am robusten Querbalken der Grösse nach aufknüpfte. Es war ihm ein Leichtes, wie sich mir im Nachhinein erschloss, sorgten die schnellwirkenden Betäubungsmittel im Abendmahl schliesslich auch dafür, das weder meine Geschwister noch ich dem Grauen Einhalt gebieten konnten, welches uns an diesem Punkt meiner Geschichte unweigerlich zuteilgeworden ist. So starben die meisten von uns jenen gnadenlosen, aber keinesfalls schmerzvollen Tot, den Vater etliche Stunden geplant haben muss. Noch heute ist es mir ein grauenhaftes Rätsel, was meinen alten Herrn dazu bewog den ganzen Tag im obersten Stockwerk zu verbringen, doch bin ich mir sicher, dass der erstickte Schrei, den wir am späten Nachmittag so schaurig vernommen haben, von meiner Mutter stammte … dem ersten Opfer eines überaus verwirrten Mannes, der sich kurz nach seiner grauenvollen Tat mit einem Messer die Pulsadern öffnete und mit seinen hängenden Familie im Blick qualvoll zugrunde ging.

Gleichfalls ist mir seit dieser fürchterlichen Nacht ein Mysterium, weshalb mich Vater verschont hat, so wachte ich kurz vor dem Morgengrauen mit heftigen Kopfschmerzen und auf dem hölzernen Boden des Dachbodens liegend auf. Als erstes kroch der Gestank von geronnenem Blut durch den Äther meines vernebelnden Verstandes, doch bis ich das Ausmass jenes Grauens, welches sich während der dunkelsten Stunden im Darkriver – House zugetragen hat, verstanden habe, verging eine gefühlte Ewigkeit. Noch heute sind mir die leblosen Körper meiner Familie in den Träumen stete Begleiter, deren gebrochenen Blicke und die an Stricken baumelnden Leiber, die sich flüssigem, brennendem Eisen gleich in mein Gedankengut gefressen haben.

Es war die Maklerin des Hauses, die mich am späten Morgen des besagten Tages völlig verstört in der Dachstube vorfand und sofort die Polizei involvierte. Erst viel später sagte man mir, dass ich einem Schock erlegen sein musste, der mich dazu zwang Stunde um Stunde wie aus Stein gemeisselt auf die sterblichen Überreste meiner Familie zu blicken. Man brachte mich fort aus Jerusalem´s Lot und ich lebte fortan an der Küste Neuenglands bei meinen Grosseltern, doch ganz gleich was man tat, um mich das Grauen im Haus auf dem Hügel vergessen zu lassen, ein Teil meiner selbst durchlebt dieses Wochenende noch heute stets aufs Neue. Anstatt zu verdrängen was mir widerfuhr, oder es gar zu verarbeiten, entwickelte ich eine regelrechte Besessenheit. Deswegen erfuhr ich ein paar Jahre später auch, dass mein Vater nicht der einzige war, der auf jenem verwaisten Grundstück diesem unerklärlich bestialischen Mordtrieb erlegen war. Vor und nach jenen Tagen im Spätherbst 83 sind mindestens drei weitere Familien auf ein und dieselbe Weise verendet, sodass man beschlossen hatte das Grundstück ende der achtziger Jahre abzureissen. Auffällig daran ist gewiss, dass stets einer der Beteiligten lebend aus den schrecklichen Homiziden hervorgegangen ist und nach intensiveren Nachforschungen konnte ich sogar deren Namen ausfindig machen, doch war keiner von ihnen gewillt meiner Kontaktaufnahme Folge zu leisten.

So fand meine Familie also die letzte Ruhestätte in Jerusalem´s Lot. Der Friedhof liegt auf der Anhöhe. Ich habe das Niederschreiben dieser Geschichte zum Anlass genommen an den Ort der unheilschwangeren Geschehnisse zurückzukehren, doch hat sich mit diesem düsteren Ausflug das unausgesprochene Sehnen nach der Wahrheit noch tiefer in mein Herz gefressen. Irgendwann, so schwöre ich mir heute am Fusse des Familiengrabes, werde ich herausfinden was meinen Vater dazu bewogen hat mir alles zu nehmen, was mir dereinst lieb und teuer gewesen ist. Eines aber, verehrter Leser, hat mich die Vergangenheit bereits gelehrt; Zwischen der Welt, die wir sehen und der, die wir fürchten, gibt es Türen. Und wenn wir sie öffnen, werden Albträume wahr!

Geschrieben Oktober 2015

Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Der Leuchtturm

Pünktlich zum Sommerbeginn, wenn das Leben in den Grossstädten ob der Hitze unerträglich wird, zog es mich an die idyllische Küste der geschichtsträchtigen Halbinsel Cape Cod. Einst wuchs ich an diesem Ort auf, verliess ihn allerdings mit achtzehn Lenzen und tauschte die weiten Strände gegen die grauen Häuserschluchten von New York ein, um dort meinem Geschichtsstudium nachgehen zu können. Von da an zog es mich nur noch hin und wieder in die Heimat, wobei ich nach dem Ableben meiner Eltern viele Jahre überhaupt nicht mehr zurückkehrte. Nun, meine lieben Leserinnen und Leser, bin ich ein gestandener Mann im Alter von sechzig Jahren und gewiss wird mir der eine oder andere jene wachsende Sehnsucht nachempfinden können, die mich jedes einzelne Mal packt, wenn ich an die alten, verträumten Sommertage zurückdenke, die ich in meiner Kindheit an den weitläufigen Stränden von Cape Cod verbracht habe. Im Alter wird man eben rührselig, wird man gewiss bei sich denken und sicherlich haben Sie damit nicht unrecht. Allerdings ist es nicht ausschliesslich das Aufleben alter Erinnerungen, was mich vor einigen Wochen dazu bewegt hat New York hinter mir zu lassen. Viel mehr ist ein altes, behütetes Geheimnis der Grund meiner Rückkehr, und wie manche Mysterien so sind, lastet man ihnen die Gabe an den wachen Verstand niemals zur Gänze loszulassen, wenn sie sich erst einmal im Gedankengut etabliert haben. Derlei Fragen, auf die niemand eine klare Antwort kennt, gibt es fürwahr so viele wie Sand am Meer, doch handelt es sich bei ´meinem´ Geheimnis um eine Geschichte, der man bisher einfach nicht auf den Grund gehen wollte. Manches, so sagte mein Onkel dereinst zu mir, sei in den Weiten des Vergessens am besten aufgehoben und so wäre es auch mit der Antwort auf die Frage, warum der Leuchtturm auf den Klippen seit vielen Jahren brachliegt. Und selbst wenn mein Oheim mehr über jenen Turm gewusst hätte, der wie ein ghoulischer Grabstein hoch oben auf dem Felsgestein steht und in trauriger Verlassenheit auf das Kap hernieder blickt, wäre es ihm wohl kaum in Sinn gekommen, einem Kind davon zu erzählen. Fünfzig Jahre sollten demnach vergehen, bis ich vor wenigen Wochen auf jenes Fünkchen Wahrheit stiess, der das lodernde Feuer der Neugier in meiner Seele vollends entfachte. Ich sass wie jeden Morgen in der Küche und trank meinen Frühstückskaffee, als mir meine Frau folgende Schlagzeilen aus der New York Times vorlas:

Sensationsfund in Cape Cod

Gestern hat das Forscherteam des Ozeanologen Robert Frost in den Tiefen vor der Küste Cape Cod´s ein altes Wrack entdeckt. Ersten Erkenntnissen zufolge handelt es sich bei diesem Schiff um eine Schaluppe aus dem siebzehnten Jahrhundert; ein kleiner Einmaster mit sehr umfangreichem Segelwerk, schnell und wendig. Vermutlich ist es die berühmt berüchtigte „Timebandit“ des Piratenfürsten Sirius Harkness, dem legendären Schrecken der sieben Weltmeere. Schon seit ein paar Jahren vermutet der New Yorker Geschichtsprofessor William B. Gosnold, dass Captain „MadEye“ Harkness´ Schaluppe vor der Halbinsel Massachusetts havarierte und sank. Schuld an seinem Kentern soll der Jahrhundertsturm von 1672 gewesen sein, der just dann seinen Höhepunkt erreichte, als Sirius nach einem blutigen Überfall auf die einstige Pilgerstadt Cape Cod erneut in See stach. Ob es sich bei diesem sensationellen Fund tatsächlich um den Einmaster eines Piraten handelt, wird sich wohl aber erst in den kommenden Wochen zeigen.

Es erschien mir naheliegend, dass bei diesem Fund ausgerechnet auch mein Name erwähnt wurde, schliesslich habe ich die Geschichte meines Geburtsortes bis aufs tiefste verinnerlicht. Ausserdem ist die Chronik meiner Familie seit jeher mit dieser Halbinsel verwoben, denn es war mein Urahne, der diesen Ort überhaupt so benannt hat. Nun werden Sie, liebe Leserinnen und Leser, vielleicht sogar verstehen, weshalb das Interesse in mir so ausgeprägt ist. Zudem erschien es mir als passender Zufall, dass ich nur wenige Stunden nach dem interessanten Artikel ein Telefonat erhielt, in dem man mich bat, Robert Frosts Forscherteam als Berater zur Verfügung zu stehen. Dies wiederum liess ich mir gewiss nicht zwei Mal sagen. Als Geschichtsprofessor im Ruhestand mangelte es mir nicht an Zeit und so buchte ich für mich und meine Frau den nächsten Flug in die Heimat. Um eine Unterkunft brauchte ich mich natürlich nicht zu kümmern, was die Reise nach Cape Cod wesentlich vereinfachte. Das Haus meiner Eltern ist nach ihrem Ableben vor vielen Jahren in meinen Besitz übergegangen. Obschon ich es nicht übers Herz gebracht habe jemals wieder dahin zurückzukehren, war es mir ebenfalls nicht möglich das Haus am Strand zu verkaufen. Nun zahlte sich dies zu meinen Gunsten aus!

Wir erreichten das Familienanwesen kurz vor Sonnenuntergang und waren froh über die Tatsache damit dem Schlimmsten entgangen zu sein. Seit Stunden berichteten die Medien von einem herben Unwetter, dessen Zentrum sich fortwährend auf das Kap zu bewegte. Kurz nachdem wir jene Brücke, die vom Festland auf die Halbinsel führte, passiert hatten, wurde diese zur Sicherheit für den weiteren Strassenverkehr gesperrt. Und just dann, als wir die knarrende Eingangstür geöffnet hatten und ins Innere meines Hauses traten, begann ein sintflutartiger Regenguss auf die Erde herniederzuprasseln. Darüber war ich wahrlich nicht erbost, denn schliesslich eröffnete es mir die Möglichkeit eine Weile in Erinnerungen zu schwelgen, bevor man mich dann an die Front des Geschehens berief. Ich hatte durch die Jahrzehnte völlig vergessen, wie gut es mir in diesem Domizil ergangen ist – wie viel Liebe und Zuneigung mir hier zuteilwurde und jene Wärme war selbst nach so viel vergangener Zeit noch immer deutlich spürbar. Alten Gewohnheiten folgend, entschied meine Frau uns in meinem alten Kinderzimmer einzuquartieren, welches nach meinem Auszug ohnehin zu einer Rückzugsmöglichkeit für Gäste umfunktioniert worden war. Natürlich stimmte ich ihr zu, brachte unser Gepäck hurtig an ihren Bestimmungsort und legte mich mit dem Vorhaben auf dem Bett nieder einen kleinen Moment die Augen zu schliessen. Es war nicht meine Absicht so tief einzuschlafen und so dauerte es einen Moment die Aufregung meiner Frau zu verstehen, die mich aus meinen Träumen riss und irritiert zum Fenster deutete. „Der Leuchtturm!“, kam es über ihre Lippen, „Jemand ist im Leuchtturm … bei diesem Wetter.“ Nun verstand ich noch nicht zur Gänze, wie meine Gemahlin über diese Entfernung hinweg derlei wundersame Dinge erkennen wollte, doch verschlug es mir für eine Sekunde den Atem, als mein Blick ihrem Zeigefinger folgte und hoch empor zu den Felsklippen wanderte. Tatsächlich hatte sich Meggie, meine liebe Göttergattin, nicht geirrt. Im Laternenraum des halb zerfallenen Turms waberte ein pulsierendes Leuchtfeuer, das kontinuierlich in bekannten Intervallen aufleuchtete: Drei Mal kurz, drei Mal lang, drei Mal kurz!

„Sos“, hörte ich mich selbst sagen und fragte mich sogleich, ob die Laternentechnik nach so vielen Jahren überhaupt noch würde funktionieren können. Selbstverständlich gab es darauf viele rationale Erklärungen. Eine davon war gewiss, dass man den Leuchtturm in den Jahren meiner Abwesenheit renoviert und neu eröffnet hat – schliesslich war dessen Standort der dortigen Untiefen wegen strategisch wertvoll. Und genau so erklärte ich es Meggie, die sich daraufhin langsam vom ersten Schreck erholte. Wir liessen es auf sich beruhen, legten uns für die stürmische Nacht zur Ruhe und erwachten erst dann wieder, als uns die ersten fahlen Sonnenstrahlen an der Nasenspitze kitzelten. Mein erster Blick hoch zum Leuchtturm empor war naheliegend und mir wurde klar, dass ich mich getäuscht hatte. Baufällig wie eh und je stand das Gebilde auf den Felsen, doch wie konnte die seltsame Sichtung am Vorabend dann erklärt werden? Vielleicht, so dachte ich bei mir, hat man lediglich den Laternenraum neuerlich hergerichtet … doch warum sollte man das tun? Es war keinesfalls so, dass sich Cape Cod vom Finanziellen her nur halbe Renovierungsarbeiten leisten konnte. Ich beschloss, nach meinem ersten Treffen mit dem Forscherteam, dem Bürgermeister einen Besuch abzustatten. Mal abgesehen davon, dass er sich darüber gewiss freuen würde, könnte er mich vielleicht sogar über das seltsam wabernde Leuchtfeuer aufklären.

Gleich nach dem Frühstück gab ich meiner Frau einen Kuss und verabschiedete mich, um meiner eigenen Wege zu gehen. Diese wiederum führten mich sogleich voller Erwartungen zum Hafen und ich hoffte darauf, genau da auf den Forscher und sein Team zu treffen. Diese Erwartungen wurden allerdings übertroffen, denn mein Ziel erst einmal erreicht fand ich dort nicht nur Robert Frost, sondern einen bienenschwarmähnlichen Mob in hellster Aufregung vor. Natürlich verwunderte mich dieser Anblick zutiefst! Wer hätte schon gedacht, dass eine vor so vielen Jahrzehnten havarierte Schaluppe zu derlei regem Interesse führen konnte? Selbstverständlich gab es bei jedem Sensationsfund den einen oder anderen Schaulustigen – hauptsächlich waren es aber ein paar vereinzelte Geschichtsliebhaber oder Hobbyarchäologen, doch was ich am Hafen von Cape Cod vorfand überschritt meine Erwartungen über alle massen. Feuerwehr, Polizei, Küstenwache und Rettungsschwimmer passten tatsächlich nicht ganz in mein Bild und so begann ich schon nach wenigen Sekunden an meiner Vermutung zu zweifeln, dass sich diese Menschenmassen ausschliesslich der Entdeckung wegen hier eingefunden hatten. Und ich sollte recht damit haben, denn wie ich wenig später erfuhr, hatte die stürmische See neuerlich Opfer gefordert. Kurz nach ein Uhr in der Früh sei vor der Küste des Kap’s ein Motorboot gegen ein hochragendes Riff geprescht und gesunken. Sechs Personen sollte das kleine Schiff getragen haben und keiner der Studenten wäre älter denn einundzwanzig Jahre. Nur einem der jungen Schar war Gott gnädig gewesen und was der Überlebende zu berichten wusste verstörte mich weitaus mehr als die Tatsache, dass die wilde See wohl fünf so unglaublich junge Leben zu sich genommen hat.

„Wir haben im Sturm die Orientierung verloren.“, erklärte der mir noch unbekannte Schiffbrüchige, ehe man ihn auf direktem Weg zum nächstgelegenen Krankenhaus transportierte. „Auf einmal sahen wir ein Licht und ich habe mich darüber gewundert, dass es noch weitere Idioten wie uns gibt, die trotz der Schlechtwetterwarnungen aufs Meer hinausfahren.“ Ob jenen Worten sahen sich die Rettungshelfer etwas verdutzt an. „Sie meinen, dass da draussen ein zweites Schiff in Seenot geraten ist?“ Hörte ich einen der durchtrainierten Männer beunruhigt von sich geben, während das wilde Gemurmel der Menschentraube um ihn herum nahezu jäh verebbte. Der Überlebende nickte matt, ehe er seinen Erklärungen Folgendes hinzufügte: „Da unsere Bordcomputer ausgefallen sind, kann ich nicht genau sagen, in welcher Himmelsrichtung wir es gesichtet haben, doch waren die Morsezeichen deutlich zu sehen … Lichtcodes! Drei Mal kurz, drei Mal lang, drei Mal kurz.“ Ein jeder hier Anwesender wusste, dass es sich hierbei um einen Notruf handelte, doch bevor sich die Küstenwache auf eine zweite Rettungsaktion konzentrierte, anstatt sich ausschliesslich um die fünf noch vermissten jungen Erwachsenen zu kümmern, war es an mir dem ganzen Einhalt zu gebieten.

„Das Signal kam nicht von der See“, platzte es fast übereilig aus mir heraus, auf das ich spüren konnte wie sich hundert Augenpaare irritiert an mich hefteten, „Meine Frau und ich haben es ebenfalls gesehen. Es wurde aus dem zerfallenen Leuchtturm auf den Südklippen ausgesandt.“ Auf einmal war ich einer Skepsis ausgesetzt, die ich der Menschenfront mir gegenüber nicht einmal übelnehmen konnte. Man versicherte mir halbherzig, dass dies mit absoluter Sicherheit vollkommen abwegig sei. Über hundert Jahre hinweg habe es keine Menschenseele mit Verstand gewagt, die baufällige Schuttruine zu betreten.

Nun konnte sich von meiner Warte aus ein Augenpaar sicherlich irren, doch wie war es mit Zweien – oder wie sich herausgestellt hatte, Dreien? Dennoch liess ich es vorerst auf sich beruhen, und da sich meine vom Heldenmut getriebene Verabredung den Rettungstrupps anschloss, hielt mich nichts mehr am Hafen. Ein prüfender Blick zum Himmel empor verriet, dass wir in den nächsten Stunden höchstwahrscheinlich nicht mit starken Niederschlägen rechnen mussten und so revidierte ich mein erstes Vorhaben auf direktem Weg nach Hause zu gehen. Stattdessen zog es mich zum verwaisten Leuchtturm auf den Klippen und ich muss gestehen, dass das flaue Gefühl in der Magengegend mit jedem Schritt noch eingehender aufflammte, den ich meinem Ziel entgegenging. Von weither schon konnte ich den Turm sehen, dessen Mauern von Generationen an Stürmen gezeichnet waren und durch den Zahn der Zeit zu bröckeln begannen. Gewiss schien es einem Wunder gleich, dass das baufällige Gebilde nicht schon längst dem Alter erlegen war und je näher ich ihm kam desto eingehender spürte ich eine unheilvolle Präsenz, die ich mir nicht erklären konnte. Obschon mir mein gesunder Menschenverstand hoch und heilig schwor, alleine meiner Wege zu gehen, und mir mein Augenmerk genau das Bestätigen konnte, glaubte ich mich ungesehenen Blicken ausgesetzt. Ganz gleich wie gut ich mir selbst zuredete, einige Meter vom Leuchtturm entfernt tat ich mich äusserst schwer darin die schrillen Alarmglocken in meinem Innern zu ignorieren, den Fluchtreflex zu überwinden und weiter zu gehen. Und als ob es an Merkwürdigkeiten gemangelt hätte, setzte just in diesem Augenblick der Regen aufs Neue ein. Donnergrollen und Blitzleuchten bewegten mich dazu gegen meinen Willen zu handeln, denn anstatt diesen unheimlichen Ort so schnell wie möglich hinter mir zu lassen, entschloss ich mich dazu die vom Alter ächzende Tür aufzuhebeln und ins Innere des grauenerregenden Turmes zu flüchten. Hier erwartete mich stockfinstere Dunkelheit. Es dauerte einen Moment bis meine Augen sich an jene gewöhnten. Erst nach geraumer Zeit erkannte ich die Silhouette eines Treppenskeletts und in der Tat erinnerte es mich an die verstümmelten Knochen längst vergangener Tage. Mir wurde klar, dass es einem halsbrecherischen Akt gleichkam, die Stufen zum Laternenraum in Angriff zu nehmen, doch war ich fest davon überzeugt, dass es am Abend zuvor jemand in Kauf genommen hatte, sein Leben für einen Scherz in Gefahr zu bringen – einen Schabernack, der letzten Endes vermutlich fünf Menschen das Leben zu rauben wusste!

Ein ächzendes Knarren im Obergeschoss liess das Blut in meinen Adern klamm werden. Und dem Knarren folgte ein grauenvolles Stöhnen bei dem ich mir äusserst sicher war, dass es keiner menschlichen Kehle entsprungen sein konnte. Spätestens jetzt verfluchte ich meine unbändige Neugier und den jugendlichen Drang mich trotz meiner alten Tage urverwandt in leichtsinnige Abenteuer zu stürzen, doch bevor mir die wüste Selbstbeschimpfung über die Lippen gekommen wäre, vernahm ich über mir Schritte. Mucksmäuschenstill lauschte ich ihnen, während sich ein wüster Sturm aus Tausenden von Fragen, auf die ich keine Antwort besass, in meinem Hirn zusammenbraute. Dabei wagte ich es nicht einen einzigen Ton von mir zu geben, hauptsächlich aus dem simplen Grund heraus, weil mein gesunder Menschenverstand sich vehement gegen die Tatsache sträubte, dass hier jemand sein könnte. Dennoch, und obschon mir die Angst das Herz wild gegen den Brustkorb schlagen liess, obsiegte die Neugier. Langsam schleichend setzte ich mich in Bewegung und tastete mich bis zum Fuss der Treppe voran. Ein Blick die Treppenschlucht empor verdeutlichte, dass der Aufstieg gewiss kein Leichtes sein würde, aber dennoch mit genügend Vorsicht machbar war. Noch immer vernahm ich die unheilschwangeren Laufgeräusche aus dem Obergeschoss, doch verebbten sie schlagartig, als mein nächster Schritt ein derartiges Knarren verursachte, dass es selbst mir darob angst und bang wurde. Erstarrt und mit dem Angstschweiss auf der Stirn blieb ich eine gefühlte Ewigkeit auf der ersten Stufe stehen, wobei ich fast erwartungsvoll in die gähnende Finsternis emporblickte. Stille! Nichts rührte sich mehr und selbst das tosende Unwetter ausserhalb der baufälligen Mauern schien für einen kleinen Moment seinen wilden Atem angehalten zu haben.

Die darauf folgenden Schritte die Treppenschlucht empor gingen weitaus leiser vonstatten und mit der Zeit setzten auch die knarrenden Schrittlaute wieder ein, auf die ich mich, scheinbar von einer regelrechten Abenteuerlust gepackt, mutig zubewegte. Und je näher ich ihnen kam, desto hektischer schienen diese zu werden, ehe ich ungelenk auf eine morsche Stufe trat, die unter meinem Gewicht unüberhörbar ins Ächzen geriet. Abermals folgte ein unerträgliches Schweigen, lediglich von den auflodernden Regenböen gebrochen, welche tobende Wellen mit brachialer Gewalt gegen die Meeresklippen unter mir preschen liessen. Was dann geschah, brachte den nächsten Schreck und Erlösung zugleich.

„Hallo?“ Dieses Wort drang keinesfalls unmenschlich, aber äusserst eingeschüchtert an meine Ohren, wobei ich mir einen Moment nicht im geringsten sicher war, ob mir mein verschreckter Verstand nicht ein Schnippchen schlagen wollte. „Hallo, ist hier jemand? Ich brauche Hilfe!“ Unverkennbar die Stimme einer Frau, die von Hoffnung getragen in die unteren Geschosse drang. Können Sie sich vorstellen wie erleichtert ich darüber war nicht mitten in einer furchterregenden Geistergeschichte zu stecken? Schnell stellte sich heraus, dass die Besitzerin der angsterfüllten Stimme eine Stadtstreunerin war, die es in ihrem jugendlichen Leichtsinn für gut erachtet hatte beim gestrigen Sturm ein Obdach im zerfallenen Turm zu suchen. Hoch oben, unmittelbar vor dem Leuchtraum, hatte die Treppe dem Gewicht des Mädchens nicht mehr standhalten können. Zwar konnte sie sich nach oben hin retten, doch waren die Stufen so weit zerstört, dass eine Flucht nach unten nicht im Geringsten mehr möglich gewesen wäre. Scheinbar war das junge Ding aber mindestens so gerissen wie töricht, war es ihr mit etwas Geschick gelungen, mit einem kleinen Feuer das alte Signallicht zu entfachen und auf diese Weise auf sich aufmerksam zu machen. Ich hielt es für unnötig ihr im Moment der Not kundzutun, welch schreckliches Schicksal durch die ausgesandten Morsezeichen ausgelöst worden war. Stattdessen mahnte ich die Fremde Ruhe zu bewahren und verfluchte mich des Umstandes wegen mein Handy am heutigen Tag in der Küche liegen gelassen zu haben. Somit blieb mir nichts anderes übrig, als die in Not gekommene noch einmal alleine zu lassen, um auf schnellstem Wege nach Hause zu laufen und nach Hilfe zu telefonieren – die sich in Form von Feuerwehr und Sanitäter auch sofort auf den Weg machte.

Nun, meine lieben Leserinnen und Leser, ist der Zeitpunkt gekommen, an dem die Geschichte auf den einen oder anderen etwas seltsam, ja gar absurd wirken könnte. Es dauerte seine Zeit, bis sich der Rettungsdienst einen Weg zum Leuchtraum empor gebahnt hatte, doch was sie an der oberen Spitze des Turmes zu sehen bekamen stand gegen meine Aussage, die ich vor wenigen Stunden am Telefon aufzugeben wusste. Obschon man etwas fand, waren es lediglich sterbliche Überreste, deren einstiges Geschlecht man über die Kleider bestimmen konnte, in denen das längst verstaubte Skelett gebettet lag. Bestimmt, so sagte man es mir am Ende nach, hat mir mein Verstand in der dort herrschenden Finsternis einen Streich gespielt. Ob dem wirklich so gewesen ist, kann ich nicht sagen, allerdings bin ich der festen Überzeugung jene Stimme tatsächlich gehört zu haben die so angsterfüllt nach Hilfe rief. Allerdings war der erschütternde Fund der toten Frau nicht alles was es vom jetzigen Standpunkt der Sanitäter zu sehen gab, glaubte einer der hartgesottenen Männer gesichtet zu haben, wie sich in der stürmischen Gischt des Ozeans etwas unnatürlich regte. Helle Aufregung brach aus, als eilends ein Fernglas herbeigeschafft wurde und man damit die offene See genauer unter die Lupe nahm. Tatsächlich sah man von hier, dem höchsten Punkt des Kaps, Bruchteile eines zerschellten Motorboots durch die hohen Wellen gleiten … ebenfalls eine verzweifelte Gestalt, die anhand letzten Kräften mit dem tosenden Meer um ihr Leben kämpfte.

Letzten Endes, so kann ich ihnen guten Herzens versichern, hat der besagte Sturm zwar seine Opfer gefordert, aber auch zwei Überlebende zurückgelassen. Selbst jetzt, wo das Geschehen einige Wochen zurückliegt und ich mich mit dem wahren Grund meiner Rückkehr beschäftigen kann, versuche ich mir noch immer mein Erlebnis hoch oben auf den Klippen zu erklären. Als Mensch, der sich zeit seines Lebens offenkundig als Atheist bezeichnet hat, ist ein Teil meiner selbst der festen Überzeugung erlegen, dass mir mein Verstand tatsächlich einen gewaltigen Streich gespielt haben muss … wie aber waren dann die sterblichen Überreste einer Frau zu erklären, die man ja unweigerlich im Leuchtraum des alten Turmes gefunden hat? War es Zufall? Oder doch eine übernatürliche Gewalt, die auf sich aufmerksam machen wollte … gar mit der Absicht ein junges Leben zu retten? Fakt ist, und diese Erkenntnis zu erlangen war für mich nicht einfach, dass sich William Shakespeare nicht geirrt hat! Tatsächlich gibt es mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt. Vermutlich werde ich mir die Zusammenhänge dieses Tages bis zum Ende meiner Zeit nicht erklären können, doch wird mir dieses Erlebnis bis dahin ein steter Begleiter sein.